Wirtschaft : Ärzten droht eine Pleitewelle

ULRIKE SOSALLA (HB)

Ungerechte Honorarverteilung: Oft nur 40 000 DM Jahreseinkommen/ Berliner Praxen vor KonkursVON ULRIKE SOSALLA (HB)

DÜSSELDORF/BERLIN.Klagen über sinkende Einnahmen gehören bei den Ärzten seit Jahren zum Kampf um den Honorarkuchen.Doch inzwischen ist der Abwärtstrend zu einer ernsthaften Gefahr für viele Praxen geworden.Jetzt geben sogar einige Standespolitiker die Schieflage zu. Wenn es ums Wehklagen geht, liegen Deutschlands Ärzte seit Jahren ganz vorn.Ob sinkende Honorare, wachsende Konkurrenz oder ungerechte Verteilung, die Mediziner greifen von Gesundheitsreform zu Gesundheitsreform zu lautstarken Worten.Das ist gut, um einen möglichst großen Teil der knapper werdenden Mittel zu bekommen, hat aber einen Nachteil: Schon lange glaubt niemand, daß es den Kassenärzten wirklich schlecht gehen könnte.Dabei mehren sich die Anzeichen, daß auf Deutschlands niedergelassene Ärzte eine Pleitewelle zurollt.In Berlin und München droht nach Angaben von Ärzteorganisationen ein Fünftel aller Praxen die Pleite, in anderen Großstädten sieht es ähnlich aus.Flächendeckend bedrohlich ist die Lage in den neuen Bundesländern.In Thüringen seien bis zu einem Drittel der Kassenärzte "wirtschaftlich sehr stark gefährdet", schätzt Sven Auerswald, kaufmännischer Geschäftsführer der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen. Selbst in einem Flächenstaat wie Niedersachsen, wo auf dem Land nur wenige Ärzte miteinander konkurrieren, schlagen die Standespolitiker Alarm: Der Vorsitzende der KV Niedersachsen, Bodo Strahl, warnte jüngst, daß knapp die Hälfte der Praxen seiner Region unter Banken-Kuratel stünden ­ die Honorare gingen also nicht mehr an die Ärzte, sondern direkt an die Kreditinstitute.Gleichzeitig habe sich die Zahl der Insolvenzen seit 1993 verzehnfacht.So offen war ein KV-Vorsitzender noch nie.Bisher sagten die Kassenärztlichen Vereinigungen, sie hätten keine genauen Zahlen über Insolvenzen und Kreditnöte der Kassenärzte.Die Verschleierung hat ihren Grund: Die Verteilung der Honorare, einer der Hauptgründe für die Misere, liegt in den Händen der Vereinigungen.Getreu nach dem von Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer ausgegebenen Grundsatz "Vorfahrt für die Selbstverwaltung" legt der Staat bei den Kassenärzten nur das Gesamthonorar fest, im vergangenen Jahr immerhin 39 Mrd.DM.Die Verteilung auf die einzelnen Ärzte regeln die KV nach einem System, das immer mehr auf planwirtschaftliche Versorgung setzt statt auf Leistungsanreize. Das beginnt damit, daß Kassenärzte nicht in harten D-Mark, sondern in Punkten bezahlt werden.Für die ambulante Versorgung eines Patienten bekommen sie beispielsweise 900 Punkte.Wieviel diese Leistung wert ist, erfahren sie erst viel später.1996 etwa sank der Punktwert in einigen Regionen von 9 auf knapp unter 6 Pfennige.Das komplizierte Abrechnungsverfahren führt dazu, daß die Überweisungen frühestens nach einem halben Jahr einlaufen.Damit nicht genug.Die Gesamtsumme, die die Ärzte anhäufen können, ist seit Mitte dieses Jahres durch sogenannte Praxisbudgets begrenzt.Sie legen abhängig von der Arztgruppe und der Patientenzahl fest, wieviele Punkte pro Quartal ein Arzt höchstens abrechnen kann.Oberhalb dieser Grenze werden Leistungen nur bezahlt, wenn sie zu zwei eng begrenzten Sondertöpfen gehören. All das hat laut Axel Munte, Vorsitzender der Münchner Kassenärzte, dazu geführt, daß viele Praxen nicht mehr kostendeckend arbeiteten."Die Vergütung der Kassen reicht nicht mehr aus, um die Patienten mit moderner Technik zu betreuen." Offene Pleiten von Praxen seien dennoch eher selten, berichtet Volker Schilling, Vertreter einer Interessengemeinschaft von Hausärzten in Berlin."Ein niedergelassener Arzt hat doch nur noch seine Praxis, der findet doch keinen anderen Job mehr, also macht er weiter, solange es irgendwie geht", sagt er.Reiche das Geld nicht mehr, griffen die Ärzte zu jedem Strohhalm."Manche entlassen ihre Frau, die bei ihnen Arzthelferin war, damit die Familie von dem Arbeitslosengeld leben kann." Das unübersichtliche Honorarsystem erschwere die Situation zusätzlich."Als Freiberufler sind Ärzte nicht gezwungen, eine genaue Buchhaltung zu führen.Viele sind hoch verschuldet, halten die Praxis aber in Gang, bis ihr Vermögen völlig aufgezehrt ist." Ein solches Verhalten werde von den Banken gestützt, sagt Munte.So lange der Arzt arbeite, zahle er auch seine Kredite ab.Die Durchschnittswerte der offiziellen Statistiken verschleierten das Problem, mahnt Schilling.Im Bundesdurchschnitt habe ein Kassenarzt zwar vor Abzug von Praxiskosten und Steuern ein Einkommen von 330 000 DM.Diese Zahlen sagten jedoch nichts über die tatsächliche Verteilung.So gebe es in Berlin etwa 200 Ärzte, die über 1 Mill.DM pro Jahr abrechneten.Ziehe man diese ab, verbleibe für den Rest nur noch ein Honorar von 220 000 DM pro Kopf.Da eine Praxis mit einer Angestellten in Berlin etwa 150 000 bis 180 000 DM pro Jahr koste, bleibe ein Durchschnittseinkommen von 40 000 bis 70 000 DM ­ vor Steuern. Einen Ausweg aus der Misere sehen die Mediziner in einer Reform der Honorarverteilung.Derzeit werde belohnt, wer die Spielräume des unübersichtlichen Systems geschickt nutze und schamlos abrechne.Ein anderes System könne gerechter sein, und gleichzeitig Anreize zur Kostensenkung geben, erklärt Munte.Er plädiert daher dafür, die Gebührenordnung nach Fachgruppen zu unterteilen und für diese die Leistungen zusammenzufassen, statt wie bisher jede Leistung einzeln abzurechnen.Als Steuerung sollten Praxisnetze dienen, in denen 30 bis 40 Ärzte aller Gruppen sich zusammenschließen.Das könne Doppeluntersuchungen vermeiden und Diagnosen fachübergreifend absichern.Ob sich aber bei den Kassenärztlichen Vereinigungen für solche Vorschläge eine Mehrheit findet, ist unklar.Den meisten Kassenärzten geht es trotz aller Eingriffe in ihre Honorare nicht so schlecht, daß sie sich zu einer Reform mit ungewissem Ausgang bewegen ließen.

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