Wirtschaft : Afrika zahlt für die Revolutionen

Höhere Preise für Benzin und Lebensmittel schaffen Probleme. Die Wirtschaftskraft des Kontinents ist so groß wie die Brasiliens

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Kapstadt - Die Afrikanische Entwicklungsbank und das OECD-Entwicklungszentrum warnen in ihrem neuen ökonomischen Ausblick für Afrika vor den Folgen der stark gestiegenen Lebensmittel- und Benzinpreise. Auch hätten der Aufruhr in Nordafrika und der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste den Kontinent bei Investoren in ein wenig gutes Licht gerückt. Damit sieht der stets stark beachtete Bericht die Lage des Kontinents weit weniger optimistisch als etwa zuletzt eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey.

Zwar lobt auch der Bericht den wirtschaftlichen Aufschwung Afrikas im vergangenen Jahrzehnt und einzelne Reformen. Gleichzeitig warnen die Autoren jedoch vor „scharfem Gegenwind“. Die Preisentwicklung und die Volksaufstände hätten zur Folge, dass vor allem Nordafrika 2011 erheblich schwächer wachsen und das durchschnittliche Wirtschaftswachstum für den Kontinent wohl unter vier Prozent gedrückt werde.

Mit Besorgnis registriert der Report, dass bislang rund Dreiviertel aller privaten Auslandsinvestitionen in die Öl- und Bergbauländer des Kontinents geflossen seien. Dazu zählen Nigeria, Angola, Südafrika, Libyen und Ägypten. Die einseitige Ausrichtung auf die Metall- und Ölgewinnung verdeutliche, dass die 53 Länder Afrikas das Umfeld für Investoren deutlich verbessern müssten. Dringend nötig sei vor allem der Ausbau der Infrastruktur und Stromversorgung, aber auch ein massiver Abbau der Bürokratie, die den Privatsektor vielerorts stark behindere.

Der Wirtschaftsausblick zeigt, wie sehr sich der Einbruch des Wirtschaftswachstums in den fünf nordafrikanischen Staaten – auf ein Prozent in diesem Jahr – auf das Gesamtwachstum in Afrika auswirkt. Zwar dürfte der Kontinent in diesem Jahr mit 3,7 Prozent etwas stärker als im Krisenjahr 2009 (3,1 Prozent) zulegen. Allerdings liegt der Zuwachs damit deutlich unter den 4,9 Prozent des vergangenen Jahres. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Wachstum von einem extrem niedrigen Niveau ausgeht. Mit 1,6 Billionen Dollar entspricht die Wirtschaftsleistung des Kontinents gerade einmal der Brasiliens und macht kaum zwei Prozent der gesamten Weltwirtschaft aus.

Um die hohe Armut in Afrika spürbar zu verringern, müsste das Wachstum dort über ein Jahrzehnt lang kontinuierlich bei mindestens zehn bis 15 Prozent liegen, schätzt der Afrika-Experte Greg Mills von der Johannesburger Brenthurst Foundation. Doch von solchen Raten sind die meisten Länder des Kontinents weit entfernt. Zudem gilt es, die (trotz der Aids-Epidemie) noch immer rasante Bevölkerungsentwicklung zu berücksichtigen, die je nach Land zwei bis drei Prozentpunkte Wachstum kostet.

Vor allem aber ist das geringe Wachstum ausgesprochen ungleich verteilt: Während eine kleine Elite immer reicher wird, ist die breite Masse der Afrikaner auch im letzten Jahrzehnt immer ärmer geworden. Symptomatisch dafür steht die von einem Bürgerkrieg heimgesuchte Elfenbeinküste. Das einstige Entwicklungsmodell Westafrikas hat zehn verlorene Jahre hinter sich, in denen die Wirtschaft um fast die Hälfte geschrumpft ist – und die Zahl der Bewohner unter der Armutsgrenze von knapp 20 Prozent auf mehr als 50 Prozent wuchs. Ebenso dramatisch ist die Lage in Simbabwe.

Schließlich verweist der Report darauf, dass Afrikas Jugend mehrheitlich arbeitslos und schlecht ausgebildet ist, selbst in Südafrika, dem einzigen Industrieland des Kontinents. Offen bleibt, wie angesichts der anhaltenden Abhängigkeit von einem Rohstoff und der vorhandenen Investitionsbarrieren die notwendigen Jobs geschaffen werden können, zumal Afrikas Gesamtbevölkerung bereits bis 2030 von derzeit 1,1 auf dann rund 1,5 Milliarden Menschen wachsen dürfte. Trotz der Ausnahmen wie Ghana, Ruanda oder Botswana lassen die überfälligen strukturellen Veränderungen in den meisten Ländern weiter auf sich warten. Wolfgang Drechsler

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