Wirtschaft : Agenten spielen Maoisten

Sie täuschten auch Chinas Führung: Hollands Marxistische Partei war eine Erfindung des Geheimdienstes

Andrew Higgins[Zandvoort]

Als Generalsekretär der Marxistisch-Leninistischen Partei der Niederlande (MLPN) beeindruckte Chris Petersen während des Kalten Krieges selbst die kommunistische Parteiführung in China mit seinem revolutionären Eifer. „Ich konnte stundenlange Reden halten, und jeder glaubte, dass Mao Tse- tung persönlich mein Lehrer war“, sagt der ehemalige Parteichef. Die Chinesen waren so überzeugt vom feurigen Niederländer, dass sie ihn auf den regelmäßigen Empfängen in Peking reich bedachten: Ehrenbanketts in der Halle des Volkes, eine Audienz bei Mao, Bargeld und Lobreden in der kommunistischen Parteizeitung.

Jetzt machte der Niederländer reinen Tisch: Er und die Partei waren nichts als Attrappen des niederländischen Geheimdienstes. Sein Name war frei erfunden und die Partei eine bloße Fassade, um die militante marxistische Strömung in den Niederlanden zu unterwandern. „Nichts war echt“, sagt der einstige Chris Petersen, der inzwischen unter seinem wahren Namen Pieter Boevé im Ferienort Zandvoort bei Amsterdam wohnt. Alles, was von der revolutionären Karriere blieb, ist die ungespielte Begeisterung für die chinesischen Küche: Chinas Kommunisten hatten großartige Köche, sagt Boevé.

Die Enthüllungen über die Gerissenheit der antikommunistischen Operationen kommen dem niederländischen Geheimdienst alles andere als gelegen: Von der Effektivität, mit der einst maoistische Gruppen infiltriert wurden, scheint bei der Verfolgung radikalislamischer Strömungen kaum etwas geblieben zu sein.

Nicht einmal dem mutmaßlichen Mörders des Filmemachers Theo von Gogh war der Geheimdienst auf der Spur. Boevé sagte kürzlich in einer Fernsehdokumentation, dass seine Mission auch ein Lehrstück für das Vorgehen gegen radikale Islamisten sein könne. Doch der Job wäre nicht beneidenswert: „Es ist sehr gefährlich“, sagt 74-Jährige.

Die Bloßstellung hat für Ärger und Verlegenheit in den Niederlanden gesorgt, wo einstige Maoisten und ehemalige Anhänger anderer radikaler Bewegungen inzwischen Teil des Establishments sind. Losgetreten wurde die Demaskierung der MLPN von Frits Hoekstra, einem früheren hohen Geheimdienstagenten, der im September ein Buch darüber veröffentlichte. Hoekstras Offenheit ging vielen zu weit: Geheimdienstkollegen waren überrascht, und der Innenminister ordnete eine Untersuchung wegen möglichen Geheimnisverrats an.

Die einstigen Maoisten sind entsetzt. „Ich habe zwölf Jahre meines Lebens vergeudet“, klagt Paul Wartena, einst Mitglied der MLPN und heute Forscher an der Universität Utrecht. Von den Zielen war er so überzeugt, dass er der Scheinpartei regelmäßig 20 Prozent seines Gehalts spendete. Trotz gelegentlicher Zweifel blieb er der MLPN gegenüber loyal. „Ich war sehr naiv, und Boevé war ein glänzender Schauspieler“, sagt Wartena, der jetzt vom niederländischen Geheimdienst die Rückzahlung seiner Spendengelder fordert. Boevé hat dafür kein Verständnis: „Er war ein Idiot“, spottet der Ex-Parteichef. Doch auch Boevé war alles andere als glücklich über die plötzlichen Enthüllungen Hoekstras. Sein Sohn, dessen Speditionsfirma Kunden in China hat, ist außer sich vor Wut.

So viele Menschen reinzulegen, sei nicht besonders angenehm gewesen, sagt Boevé. Doch es war ein gewaltiges Abenteuer. China besuchte er etwa 25 Mal, mehrmals auch Albanien und viele andere Anführer radikaler Vereinigungen in der westlichen Welt. Nach jeder Reise berichtete er dem Nachrichtendienst, der den US-Geheimdienst CIA regelmäßig über die maoistische Scheinpartei informierte. In der 1969 im Auftrag des Nachrichtendienstes gegründeten MLPN bevölkerten die Geheimdienstler die Führungsränge: Neben dem angeblichen Chris Petersen als Generalsekretär gab es einen schauspielernden Vorsitzenden, und das Zentralkomitee war von Agenten durchsetzt. Für die Glaubwürdigkeit wurden Wartena und andere überzeugte Maoisten in die Parteiführung aufgenommen.

Boevé war bereits Geheimdienst-Informant, als er 1957 ein Jugendfestival in Moskau besuchte. Als die chinesische Führung kurz darauf mit den sowjetischen Kommunisten brach, sollte der junge Agent zu einem Glücksfall für den Geheimdienst werden. Auf der verzweifelten Suche nach Verbündeten gegen Moskau hielten Chinas Mächtige nach Kommunisten in Europa Ausschau.

Boevé bot den Chinesen seine Dienste an und wurde Anfang der 60er Jahre zu einem sechswöchigen Kurs über die maoistische Lehre eingeladen. Bald habe er die chinesische Propaganda perfekt imitieren können, sagt er. Chinesische Diplomaten trafen ihn in der Botschaft in Den Haag und finanzierten der Partei eine eigene Zeitung. Das Blatt „De Kommunist“ wurde dann vom Geheimdienst geschrieben und herausgegeben. Selbst Buchautor Hoekstra, damaliger Chef der Spionageabwehr, verfasste darin eine Hetzschrift gegen die niederländische Regierung. „Für mich als Beamter war das sehr befriedigend“, sagt er.

Während der 70er Jahre half die Partei dem Geheimdienst beim Abhören maoistischer Gruppen und beim Auskundschaften der chinesischen Elite. Vor allem diente sie der Spaltung der holländischen Kommunistenbewegung. In den regelmäßig herausgegebenen Kommuniqués – durchgehend vom Geheimdienst verfasst – verhöhnte die Parteiführung andere Kommunisten als Versager, die nicht gewählt werden dürften. Die Chinesen ahnten nichts: In der vom niederländischen Geheimdienst abgehörten chinesischen Botschaft lobten die Diplomaten ihren Petersen in den höchsten Tönen.

Spätestens zu Beginn der 80er Jahre wurden Maoisten in Europa durch politische Säuberungen und ideologische Kehrtwendungen in China ernüchtert. Der niederländische Geheimdienst verlor das Interesse an der MLPN. China war nicht länger ein Feind, sondern Handelspartner. „De Kommunist“ wurde eingestellt. Boevé machte weiter. Selbst 1989 nach der blutigen Niederschlagung der Unruhen auf dem Platz des Himmlischen Friedens sang Boevé noch das Loblied auf die Entschlossenheit der Kommunistischen Partei. Er flog zum Händeschütteln mit Chinas Mächtigen nach Peking.

Heute beschränkt sich sein politischer Horizont auf das kleine Zaandvoort. Hier macht sich der inzwischen gebrechliche Boevé mit seiner neu gegründeten Partei für alte Leute stark. Viele Mitglieder gebe es nicht, sagt er. „Doch diesmal sind sie alle echt.“

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