Agrarwirtschaft : "Bio" ist die Zukunftshoffnung europäischer Landwirte

Produktionsdrosselungen auf dem Zuckermarkt, Verzicht auf Weinanbauflächen, sinkende Milchquoten: Die Landwirte in der EU müssen sich auf schmerzliche Reformen einstellen - und nach neuen Einkommensquellen suchen.

Straßburg - Dabei setzen immer mehr unter den elf Millionen Bauern in der Europäischen Union ihre Hoffnung auf erneuerbare Energien und Rohstoffe, wie der Zweite Kongress der Europäischen Landwirte in Straßburg deutlich machte. "Die Branche boomt in Europa", sagte der Präsident des europäischen Bauernverbandes COPA, Rudolf Schwarzböck, am Dienstag vor den mehreren hundert Teilnehmern aus mehr als 25 europäischen Ländern.

Diesel aus Raps für Kraftfahrzeugmotoren, Biomasse zur Stromerzeugung oder Holzpellets für umweltfreundliche Heizanlagen liegen angesichts steigender Erdölpreise und der gegenwärtigen Diskussion um die Abhängigkeit von Erdöl- und Gasimporten voll im Trend. Dies hat auch die EU-Kommission in Brüssel erkannt, die den Anteil von Biotreibstoffen EU-weit bis zum Jahre 2010 auf 12,5 Prozent und bis 2020 auf 20 Prozent anheben will.

Boom bei Biogasanlagen

Diese Vorgaben dürften in einigen EU-Staaten sogar übertroffen werden. "In Deutschland liegt der Anteil schon jetzt bei zehn Prozent", sagt Thomas Siegmund, Sprecher des Bundesverbandes BioEnergie. Die Produktionskapazität für Biodiesel habe sich in Deutschland seit dem vergangenen Jahr fast verdoppelt - auf 3,5 Millionen Tonnen bis Ende dieses Jahres. Ein ähnlicher Boom sei bei der Verwendung von Biomasse, etwa aus Gülle oder Mais, zur Gaserzeugung festzustellen. "Mit 2700 Biogasanlagen ist Deutschland führend in Europa".

Nachholbedarf gibt es Siegmund zufolge hingegen noch bei der Holzwirtschaft, wo Finnland, Schweden und Österreich die Nase vorn haben. Immerhin haben mittlerweile rund 45.000 deutsche Haushalte ihre Heizung von Öl oder Gas auf Holzpellets umgestellt, davon gut ein Drittel seit Beginn dieses Jahres. Der Run war nach Angaben des Experten so groß, dass die Zuschüsse der Bundesregierung für Holzpellet-Heizkessel in Höhe von 190 Millionen Euro bereits im Sommer des Jahres ausgeben waren.

Bio-Kunststoffe aus natürlichen Rohstoffen

"Hier gibt es ein enormes Potential, das bisher mangels Fördermittel ungenutzt bleibt", betont auch Birte Schmetjen, Sprecherin des Verbandes europäischer Privatwaldbesitzer. Dies sei umso unverständlicher, als Holzheizungen CO2-neutral seien. "Jeder Baum absorbiert so viel CO2, wie beim Verbrennen seines Holzes entsteht".

Über fehlende politische Unterstützung klagt auch Harald Kaeb vom Verband "European Bioplastics", dem 66 Erzeuger von Bio-Kunststoffen angehören. Er präsentierte den Landwirten eine Sammlung von Verpackungsmaterialien wie Pralinenschachteln, Kartoffelnetzen, Joghurtbechern und Plastikflaschen. Alle Behälterseien aus natürlichen Rohstoffen hergestellt, etwa aus Kartoffelstärke, Maismehl, Zucker, Weizen oder Holz, versicherte Kaeb, der von Beruf Chemiker ist. "Im Gegensatz zu herkömmlichen Kunststoffen sind diese Materialen voll kompostierbar und belasten die Umwelt nicht".

Kaeb sieht denn auch einen "enormen Wachstumsmarkt": Derzeit würden EU-weit jährlich rund 50.000 Tonnen Bio-Kunststoffe hergestellt, in den nächsten zehn Jahren könne die Produktion auf bis zu zwei Millionen Tonnen aufgestockt werden. Dafür seien allerdings ein bis zwei Millionen Hektar Anbaufläche notwendig. "Doch bisher gibt es keine Subventionen für Bauern, die ihre Produktion umstellen wollen".

Die Politik müsse die "richtigen politischen Rahmenbedingungen schaffen", forderte auch COPA-Präsident Schwarzböck in Straßburg. Dies gelte für Brüssel ebenso wie für die Regierungen der EU-Staaten. Zur Umstellung auf nachwachsende Rohstoffe seien "Milliardeninvestitionen" notwendig, die abgesichert werden müssten - etwa durch steuerliche Anreize. Gerade hier hapere es aber, klagte auch der Sprecher des Bundesverbandes BioEnergie. Die Bundesregierung etwa rudere mit dem Abbau von Steuerbegünstigungen für Bio-Diesel und Ethanol sogar wieder zurück. "Das ist genau das falsche Signal", meint Siegmund. (Von Jutta Hartlieb, ddp)

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