Agrarwirtschaft : Handel will Milchbauern entgegenkommen

Beim Gipfeltreffen mit Agrarminister Seehofer geht es am Dienstag nicht nur um Preise. Die großen Handelsketten sollen auf "Lockvogel-Angebote" verzichten.

Dieter Hanisch/Katja Reimann

Kiel/Berlin - Vor dem Milchgipfel mit Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) am Dienstag sind die großen Handelsketten offenbar zu Zugeständnissen bereit. Vertreter von Aldi, Lidl, Rewe und Edeka hätten in Vorgesprächen ihre Bereitschaft erklärt, künftig auf aggressive Werbekampagnen für Milch- und Butterschnäppchen zu verzichten, berichtete die „Wirtschaftswoche“. Stattdessen solle stärker mit regionalen Marken geworben werden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hoffe, durch einen Verzicht auf „Lockvogel-Angebote“ den seit Monaten schwelenden Streit zwischen Handel und Landwirten zu entschärfen.

Wenn Agrarminister Horst Seehofer zum Gipfel bittet, dann geht es aber um mehr als um auskömmliche Milchpreise für die Bauern. Das Treffen in Berlin ist zugleich eine Machtprobe zwischen dem Deutschen Bauernverband (DBV) – als bundesweit größter Interessenvertretung der Landwirte – und dem sehr viel kleineren Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). In Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Bayern ist es bereits zu einer großen Zahl von Austritten aus dem Bauernverband gekommen.

Während des Milchlieferboykotts Ende Mai hatte sich der DBV noch an die Seite des BDM gestellt, inzwischen unterscheiden sich die Positionen aber erheblich. Inhaltlich streiten sie darum, mit welcher Strategie die Standesvertretungen in die Runde mit Minister, Handel und dem Milchindustrieverband gehen. Der Druck auf die Bauern müsse wachsen, die vereinbarten Milchliefermengen an die Molkereien einzuhalten, fordert auf der einen Seite BDM-Chef Romuald Schaber. Eine große Zahl von Landwirten liefere mehr Milch an, als ihnen die Quote gestatte. Das Ergebnis: zu viel Milch und sinkende Preise.

Der Bauernverband dagegen hält nichts von Lieferbeschränkungen. Straffe Regelungen brächten den Bauern eher „zusätzliche Kosten und bürokratische Hemmnisse als höhere Milchpreise“, sagt DBV-Chef Gerd Sonnleitner. Der Bauernverband fordert stattdessen Ausgleichszahlungen für besonders benachteiligte deutsche Milchbauern von der EU und tritt für Zusammenschlüsse der Molkereien ein, die so ihre Macht gegenüber dem Handel stärken könnten. Auf das Ende der EU-Milchquoten bis 2015 müssten sich alle einstellen. Sein Gegenspieler Schaber befürchtet aber spätestens dann das Sterben vieler kleiner Höfe.

In den Streit hat sich inzwischen auch EU-Agrarkommissarin Mariann Fischer- Boel eingeschaltet. „Ich nehme die Sorgen der deutschen Milchbauern sehr ernst“, sagte sie. „In den aktuellen Beratungen zur landwirtschaftlichen Lage werden wir eine Lösung für die kleinen Milcherzeuger finden, damit sie auch ohne Milchquoten überleben können.“

Der zehntägige Lieferboykott in Deutschland hatte nur wenig bewirkt. Der Preis für Trinkmilch ist in den Geschäften zwar um sieben Cent gestiegen, real angekommen sind davon bei den rund 100 000 Milchproduzenten aber nur 0,5 bis zwei Cent, wie die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle berichtet. Das liegt daran, dass der Frischmilch-Anteil an der verarbeiteten Milchmenge nur rund zwölf Prozent beträgt. Einige Bauern bekämen noch immer nur 30 Cent pro Liter von den Molkereien. Der BDM will in den Verhandlungen mit Seehofer seine Forderung nach 43 Cent pro Liter bekräftigen.

„Der Handel kann nicht beliebig an der Preisschraube drehen“, warnt dagegen ein Sprecher des Handelsverbandes HDE. Verbraucher zahlten nicht jeden Preis und griffen im Zweifelsfall zu billigeren ausländischen Produkten.

Mit Spannung warten die Milchbauern nun auf die Vorschläge Seehofers am Dienstag. Der Spielraum des Agrarministers ist allerdings begrenzt – das EU- Recht steht aufseiten der Milchindustrie. Dieter Hanisch/Katja Reimann

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