Wirtschaft : Agro-Biotechnologie: Unternehmen flüchten nach Amerika

pet

Die abwartende Haltung der Politik in der Agro-Biotechnologie zwingt immer mehr deutsche Pflanzenzüchter zur Verlagerung ihrer Produktion nach Nordamerika. Die Unternehmer sehen ihre Wettbewerbsfähigkeit bedroht und warnen vor dem Export von Arbeitsplätzen. Wegen ähnlicher Startprobleme in der medizinischen Gentechnologie Anfang der neunziger Jahre hinkt Deutschland den USA heute rund zehn Jahre hinterher.

"Die Unsicherheit ist das allerschlimmste", sagt Klaus Düring, Geschäftsführer der Agro-Biotechnologie-Firma MPB in Köln, der neue Kartoffelsorten erforscht. "Man kann sich auf nichts verlassen." Seit Bundeskanzler Gerhard Schröder das geplante Gen-Moratorium im Januar abgesagt hat, haben die Unternehmen auch die letzte Hoffnung aufgegeben, ihre Pflanzen in absehbarer Zeit in Deutschland anzubauen. "Das war ein falsches Signal", sagt Ulrich Schmidt, Geschäftsführer des Saatzuchtfirma Pioneer Hi-Breed Nordeuropa. In dem Moratorium wollte sich die Industrie verpflichten, bis Ende 2003 gentechisch veränderte Pflanzen nur im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprogramms anzubauen - und währenddessen einen gesellschaftlichen Konsens über den Umgang mit der neuen Techologie aushandeln. Denn die Zustimmung der Deutschen zur ("grünen") Agro-Biotechnologie ist noch immer verhalten, in Lebensmitteln wird Gentechnik ganz abgelehnt.

Eine ähnliche Situation hatte es Anfang der neunziger Jahre schon einmal gegeben - in der ("roten") Medizin-Biotechnologie. Weil das 1989 erlassene Gentechnik-Gesetz zu restriktiv und der öffentliche Widerstand groß waren, suchten deutsche Wissenschaftler ihre Zukunft in den USA. Erst nach der Novellierung des Gentechnik-Gesetzes und massiver staatlicher Förderung kam die deutsche Biotech-Industrie Mitte der 90er Jahre überhaupt auf die Beine. Der Rückstand zur US-Konkurrenz beträgt heute rund zehn Jahre.

Und auch aus Brüssel kommen unmissverständliche Signale. "Wir hatten eigentlich gehofft, dass wir nach der Verschärfung der europäischen Freisetzungsrichtlinie EU 90/220 die Zulassung für die Freisetzung neuer gentechnisch veränderter Pflanzen erhalten", sagt Ferdinand Schmitz, Geschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Pflanzenzüchter. Auch daraus wird nichts: Gerade ist die für März angekündigte Zulassung der ersten Gen-Pflanzen für die kommerzielle Nutzung auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Sechs der 16 EU-Staaten - Frankreich, Italien, Dänemark, Luxemburg, Österreich und Griechenland - haben verlauten lassen, dass die neue Freisetzungsrichtlinie nicht ausreicht, um der Zulassung von Gen-Pflanzen zuzustimmen.

Die Züchter sind es langsam leid. "Eine unserer Rapssorten wartet seit drei Jahren auf die Zulassung durch die EU-Kommission", sagt Sigbert Kley, Geschäftsführer der Deutschen Saatveredelung in Lippstadt, der Nummer zwei im deutschen Markt. Zuvor war sein Rapps schon drei Jahre auf Unschädlichkeit gegenüber Mensch und Natur geprüft worden. "Wenn ein neues VW-Modell solange auf die Zulassung warten müsste, könnte man es hinterher verschrotten", sagt Kley. Ein ähnliches Schicksal befürchtet er auch für seinen Raps. "Die Situation wird langsam lebensgefährlich", sagt Kley.

Einen Ausweg aus der Misere sieht er nicht. Denn die blockierenden Länder wollen ihren Widerstand gegen die Zulassung transgener Pflanzen fortsetzen, solange weder die Kennzeichnung von Produkten mit gentechnisch veränderten Bestandteilen noch die Haftung für mögliche Schäden durch gentechnisch veränderte Pflanzen geregelt ist. Bislang hat sich die EU-Kommission zwar bereit erklärt, im Laufe des Jahres 2001 geeignete Vorschläge vorzulegen. Bis die aber umgesetzt sind, können noch viele Saatperioden ins Land ziehen.

Den Unternehmen dauert das zu lang. "Wenn wir jetzt nicht anfangen, verlieren wir unsere Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt", sagt Verbandschef Schmitz. Die Entwicklungszeiten der Pflanzenzüchter sind lang - bis zu 15, manchmal 20 Jahre dauert es, eine neue Kartoffel- oder Rapsgeneration auf den Markt zu bringen. Wer zu spät anfängt, lerliert wertvolle Zeit. Immer mehr mittelständische Unternehmen suchen ihre Zukunft daher in Kanada oder den USA. "In Kanada dauert die Genehmigungszeit nur wenige Wochen", sagt Dietmar Brauer, Geschäftsführer der Norddeutsche Pflanzenzucht (NPZ) im schleswig-holsteinischen Hohenlieth. In Kanada hat der Züchter bereits drei herbizidresistente Winterrapssorten entwickelt und auf den Markt gebracht. Auch seine Kollegen Kley und Düring wollen künftig lieber in Kanada investieren. "Noch ist der Abstand zwischen Deutschland, Kanada und den USA nicht dramatisch", sagt Kley. "Aber in zehn Jahren haben wir einen klaren Wettbewerbsnachteil." Die schleswig-holsteinische CDU-Politikerin Brita Schmitz-Hübsch befürchtet durch solche Entwicklungen den Export von Arbeitsplätzen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben