Air Berlin : Auf der Suche nach der Strategie

Air Berlin steht unter Druck: Vor der Hauptversammlung fällt der Aktienkurs noch einmal.

Juliane Schäuble
Hunold
Erklärungsbedarf. Air-Berlin-Chef Joachim Hunold steht in der Kritik. -Foto: pa/dpa

BerlinSchade. Es hätte schon interessiert, wie Air-Berlin-Chef Joachim Hunold den Passagieren in seinem schon fast legendären Bordmagazin-Editorial die derzeitigen Schwierigkeiten erklärt. Aber in der aktuellen Ausgabe stehen noch die Äußerungen Hunolds, die den – inzwischen beigelegten – Sprachenstreit mit der Balearen-Regierung auslösten. Doch seinen gebeutelten Aktionären wird der Air-Berlin-Chef am heutigen Dienstag Rede und Antwort stehen müssen. Bei der Hauptversammlung am Londoner Flughafen Stansted soll er erklären, wie er den eingebrochenen Aktienkurs der Fluggesellschaft wieder hoch treiben will.

„Entscheidend ist, dass Air Berlin wieder ein klares strategisches Modell kommuniziert“, sagt Gerd Pontius, Chef der Unternehmensberatung Prologis. Nachdem Deutschlands zweitgrößte Fluglinie vergangene Woche einen „Effizienzprogramm“ genannten Sparplan vorlegte und am Wochenende andeutete, dass dem noch weitere folgen könnten, ist die Verunsicherung der Marktteilnehmer groß. Am Montag fiel der Aktienkurs nach herben Verlusten in der vorigen Woche erneut um fast acht Prozent auf 4,87 Euro. Doch auch hier könnte das Ende noch nicht erreicht sein, glaubt man den Prognosen von Morgan Stanley. Die US-Investmentbank korrigierte gerade ihr Kursziel von vier auf zwei Euro – zu groß die Risiken eines noch höheren Ölpreises, zu unklar die Strategie, die den einstigen Billigflieger aus dem Kurs-Tal herausführen könnte.

Im Internet berichtet Air Berlin stolz über sich selbst: „Keine andere Airline weltweit ist so schnell gewachsen wie Air Berlin.“ Und bei der letzten Hauptversammlung, als der Aktienkurs immerhin noch um den Ausgabekurs von zwölf Euro pendelte, wurde Hunold noch für die „beeindruckende Wachstumsstrategie“ gelobt. Auch heute gestehen Aktionärsvertreter wie Michael Kunert von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger dem Selfmademan Hunold zu, bei Zukäufen in der Vergangenheit oft das richtige Händchen gehabt zu haben. Aber Kunert sagt auch: „Hunold hat sich überschätzt“. Galten die jetzt eingestellten Asien-Verbindungen bei ihrer Eröffnung im Mai noch als Zeichen unermüdlichen Wachstums, stehen sie nun für das Scheitern einer Strategie. „Die Verbindungen haben sich von Anfang an nicht gelohnt“, sagt NordLB-Analystin Martina Noß. Nun droht die gesamte nichttouristische Langstrecke zu kippen. „Angesichts der explodierenden Treibstoffkosten ist die Langstrecke für Air Berlin ein zu kostspieliges Unterfangen“, glaubt Berater Pontius. Schon heißt es bei Air Berlin, die Streckenausdünnungen seien erst „ein Anfang“.

Ähnlich schwierig könnte die angestrebte Übernahme der Condor ab dem kommenden Jahr werden. „Der Aufwand und die Komplexität der Integration einer weiteren Fluggesellschaft würden Air Berlin derzeit stark fordern“, sagt Pontius. Air Berlin hat sich bereits die Billigflieger dba sowie die LTU einverleibt – und trägt vor allem an den Integrationskosten der LTU schwer. Dennoch mache eine Übernahme Sinn, so Pontius, da das Chartergeschäft weiter wachse. „Condor wäre eine Bereicherung für Air Berlin.“

Allerdings könnte ein Kauf, so denn das Kartellamt zustimmen sollte, Air Berlin teurer zu stehen kommen als gedacht: Der Kaufpreis in Höhe von 500 Millionen Euro soll teils in bar, teils per Beteiligung des Noch-Eigentümers Thomas Cook an Air Berlin beglichen werden. Da diese Anteile durch den Kursverfall deutlich weniger wert sind als vor einem Jahr, müsste die Barzahlung viel höher ausfallen.

Hunold hat nun viele Fragen zu beantworten. Die wichtigste aus Eigentümersicht formuliert LBBW-Analyst Per-Ola Hellgren: „Wie kann Air Berlin eine adäquate Rendite für seine Aktionäre schaffen?“ Noch schweigen die Großaktionäre. Der russischstämmige US-Milliardär Leonard Blawatnik, mit knapp 19 Prozent größter Einzelinvestor, betont gegenüber dieser Zeitung nur, seine Engagements seien stets „langfristiger Natur“. Ob er aber noch Lust hat, weiteres Geld in Air Berlin zu investieren, ist ungewiss.

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