Wirtschaft : Air Berlin verliert Pauschalreisen

Geschäftsführer Joachim Hunold macht die Tourismusflaute zu schaffen – Billigflüge verkaufen sich gut

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Berlin (fw) . Die Fluggesellschaft Air Berlin leidet in ihrem Chartergeschäft unter der Reiseflaute in diesem Jahr. „Die wirtschaftliche Situation schlägt hier katastrophal durch“, sagte Joachim Hunold, der Geschäftsführer von Air Berlin, dem Tagesspiegel am Donnerstag. „Im Veranstaltergeschäft lagen wir beim Umsatz Ende Juni zehn Prozent unter Plan“, sagte Hunold. Einige Veranstalter hätten ihre bereits unterschriebenen Verträge wegen der schlechten Buchungslage nicht voll erfüllt. Im so genannten „NurFlug-Geschäft“, bei dem Air Berlin Einzelplätze ohne Pauschalarrangements verkauft, laufe es weiter gut: Hier sei der Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 80 Prozent – oder 73,9 Millionen Euro – gewachsen.

Air Berlin hat 1998 damit angefangen, ihr Geschäftsmodell zu ändern und neben den Charterflügen für Touristikkonzerne auch im Linienverkehr zu fliegen. Mit dem „Mallorca Shuttle“ fing es an, inzwischen kann man alle Ziele auch ohne Pauschalreise anfliegen. Dieses Nur-Flug-Geschäft macht Hunold zufolge jetzt 48 Prozent des Umsatzes aus. „Langfristig kann ich mir vorstellen, dass der Nur-Flug-Anteil auf über 50 Prozent wächst“, sagt Hunold. Denn das Geschäft mit den Veranstaltern läuft immer schlechter. 2003 sei im Pauschalgeschäft das schwierigste Jahr, das er je erlebt habe, sagte Hunold. Die Flaute im Veranstaltergeschäft sei auch dafür verantwortlich, dass Air Berlin dieses Jahr wohl lediglich eine „schwarze Null“ schreibe. Bisher ist der Umsatz in den ersten sechs Monaten im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 23 Prozent gewachsen – Ziel sind 30 Prozent. „Ich weiß nicht, ob wir das schaffen“, so Hunold.

Insgesamt ist der Air-Berlin-Chef aber zufrieden. Immerhin schreibt die Fluglinie schwarze Zahlen und steigert ihre Passagierzahlen – in den ersten sechs Monaten habe Air Berlin 1,9 Millionen Nur-Flug-Gäste transportiert, 1,1 Millionen mehr als vor einem Jahr. Wie andere Billigflieger hat Air Berlin neue Kunden ins Flugzeug geholt: von der Straße und Schiene, aber auch Geschäftsreisende, die günstiger fliegen wollen.

.Zu den Billigfliegern wie Ryanair, Germanwings oder Hapag Lloyd Express will Hunold mit Air Berlin allerdings nicht gehören. Obwohl die Flüge von Air Berlin mit einem Eingangspreis von 29 Euro den Angeboten der anderen entsprechen, und ebenfalls die Regel „Je früher man bucht, desto billiger“ gilt, sei Air Berlin etwas anderes, meint Hunold. „Wir sparen nicht am Service“, sagt Hunold. Denn auf den Air Berlin-Flügen gebe es Essen, Zeitungen und Sitzplatzreservierung. Auch kann man ohne Aufpreis über das Telefon oder im Reisebüro reservieren. Warum Air Berlin trotzdem die günstigen Preise bieten kann? „Weil unser Personal so produktiv ist“, sagt Hunold. Andere werfen ihm allerdings „Ausbeutermethoden“ vor, weil es weder Betriebsräte noch eine Tarifbindung gibt und ein Großteil des Kabinenpersonals über Zeitverträge arbeitet. Die Gehälter lägen nicht weit unter denen der direkten Konkurrenz, meint Hunold. „Bei uns müssen die Mitarbeiter aber mehr für ihr Geld arbeiten als bei traditionellen Airlines.“

Hunold sieht in seinem Personal aber das Erfolgsrezept schlechthin. „Bei uns geht es wie in einer großen Familie zu – und unsere Mitarbeiter sind sehr motiviert, denn sie tragen bis auf die untersten Ebenen Verantwortung.“ Deswegen seien sie auch so produktiv, meint Hunold. Er hilft kräftig mit beim Motivieren: So fuhr er am Donnerstagabend zur Station Leipzig zum Betriebsfest. „Dort wird bis sechs Uhr morgens durchgefeiert“, sagt er. Zwei solcher Feste pro Jahr gibt es in jeder Station – und Hunold ist immer dabei. Eine Tarifbindung kommt für ihn nicht in Frage: „Dann könnten wir es uns einfach nicht leisten, so schnell zu wachsen.“

In diesem Jahr ist aber erst mal Schluss mit dem Wachstum. „Wir müssen jetzt unsere größte Expansion verarbeiten.“ Eine Übernahme komme zunächst nicht in Frage: Schon deshalb, weil es so schwer sei, die spezielle Unternehmenskultur von Air Berlin mit einer anderen zusammenzubringen.

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