Airbnb-Deutschlandchef : "Was in Berlin legal oder illegal ist, ist völlig unklar"

Airbnb ist bei Reisenden beliebt, in vielen Städten verhasst. Deutschland-Chef Alexander Schwarz spricht im Interview über illegale Wohnangebote, Profit für Bezirke und Konkurrenz mit Hotels.

Bastian Brauns
Ein Airbnb-Gast in Berlin (Archivbild).
Ein Airbnb-Gast in Berlin (Archivbild).Foto: Jens Kalaene/dpa
Schwarz

Alexander Schwarz (40) ist seit Juni 2015 General Manager für Airbnb in Deutschland, Österreich und der Schweiz, eine der wichtigsten Regionen für Airbnb weltweit. Davor war er in Führungspositionen für PayPal Deutschland tätig und verantwortlich für verschiedene Projekte bei ebay Deutschland.

Herr Schwarz, die Homesharing-Plattform Airbnb steht beispielhaft für das Zeitalter der Digitalisierung, aber nicht nur der Erfolg, auch die Kritik an Ihrem Unternehmen wächst. Immer mehr Städte weisen Airbnb in die Schranken, weil es heißt, viele Ferienwohnungsangebote verschärften das Problem steigender Mieten und knappen Wohnraums. Zu Recht?

Wir sind keine Gegner von Regulierung, aber sie muss progressiv und fair sein. Wir sind mit vielen Städten in sehr konstruktiven Gesprächen und finden gute Regeln für alle Beteiligten. In manchen Städten ist der Dialog schwieriger.

Jede Stadt könnte eigene Gesetze erlassen. Wie sehr ärgert Sie diese Art der Kleinstaaterei?

Tatsächlich ist das sehr komplex. Wir merken aber, dass es funktioniert, wenn die Städte mit uns zusammenarbeiten. Die politischen Entscheider erkennen immer mehr, dass Homesharing anders gehandhabt werden muss als das professionelle Vermieten von Ferienwohnungen.

Was unterscheidet denn einen Homesharer von einem professionellen Vermieter?

Homesharing meint das Vermieten aus den eigenen vier Wänden heraus. Das heißt, Sie als Gastgeber kehren etwa nach einer Dienstreise oder einem Urlaub wieder in Ihre Wohnung zurück. Touristen oder Geschäftsreisende nutzen also die bewohnten Wohnungen von anderen. Das ist wichtig als Kriterium. Denn dadurch wird kein Wohnraum entzogen.

Es gibt aber auch auf Airbnb angebotene Wohnungen, in denen der Anbieter nicht selbst lebt. Das sind dann Ferienwohnungen und kein Homesharing, richtig?

Genau. Es gab schon immer traditionelle Übernachtungsbetriebe wie Ferienwohnungen oder Bed&Breakfasts, die Airbnb als Vertriebskanal nutzen. Wir unterscheiden zwischen Städten und ländlichen Regionen. Während in Städten der Fokus auf Homesharing liegt, arbeiten wir in typischen Ferienregionen, wie an der Ostsee, mit gewerblichen Gastgebern zusammen, um Unterkünften ganzjährig zu einer besseren Auslastung zu verhelfen. Die Vermietung von Ferienwohnungen ist in diesen Regionen ein wesentlicher Bestandteil der lokalen Wirtschaft.

Berlin hat das sogenannte Zweckentfremdungsverbot erlassen. Damit können Homesharer die ganze eigene Wohnung nur ein einziges Mal im Leben anbieten, außer sie erhalten eine Genehmigung durch die Stadt. Die vergeben die Berliner Behörden aber so gut wie nicht. Wie kommt es, dass die Anzahl der Airbnb-Wohnungen in Berlin im vergangenen Jahr weiter gestiegen ist?

Die Zahlen spiegeln die veränderten Bedürfnisse der Menschen im 21. Jahrhundert wider und den Wunsch vieler Berliner, sich mit dem gelegentlichen Vermieten ihres Zuhauses etwas dazu verdienen zu können. Das Thema Homesharing ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und interessiert immer mehr Menschen weltweit. 

Das heißt aber, dass Sie illegale Angebote auf Ihrer Plattform zulassen.

Was nun in Berlin genau "legal" oder "illegal" ist, ist vollkommen unklar. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg kam jüngst zu der Auffassung, dass das Zweckentfremdungsverbotsgesetz teilweise verfassungswidrig ist und danach viele Gastgeber überhaupt keine Genehmigung bräuchten. Weitere Gerichtsurteile des Berliner Verwaltungsgerichts zeigen zudem, dass vielen Gastgebern Genehmigungen trotz Anspruch nicht erteilt wurden. Seitens der Stadt wird pauschal das Angebot als "illegal" bezeichnet, obwohl eigentlich die Praxis der Stadt seit nunmehr fast einem Jahr in weiten Teilen unrechtmäßig ist.

Sie könnten die Anbieter doch vorab um die erteilten Genehmigungen bitten – ein PDF hochzuladen müsste doch möglich sein – und nur noch legale Inserate online stellen.

Eine Plattform kann nicht als Verwaltung oder Exekutive agieren. Wer umzieht, muss sich ja auch bei der Stadt ummelden und nicht bei uns. Die Frage ist doch eher, ob Genehmigungen das richtige Mittel für ein Segment sind, das der Wohnraumsituation gar nicht schadet. Menschen, die ihre eigenen vier Wände ab und zu vermieten und dadurch keinen Wohnraum wegnehmen, werden dafür kriminalisiert.

Viele Städte werfen Ihnen vor, dass sie von Ihnen keine genauen Informationen über die Anbieter erhalten.

Wir teilen mit den Städten seit langem statistische Daten zu Gästeankünften, Unterkünften und Buchungen. Aber Airbnb ist der Schutz der personenbezogenen Daten sehr wichtig. Es gibt wesentlich verhältnismäßigere Herangehensweisen als den pauschalen Austausch von personenbezogenen, also die Privatsphäre betreffenden, Daten. Im Mittelpunkt steht Wohnraum zu schützen und das ist uns genauso wichtig wie den Städten.

Um das zu erreichen, haben sich viele Städte inzwischen dafür entschieden, Homesharing nur innerhalb begrenzter Zeiträume zuzulassen.

Genau. In Hamburg gibt es zum Beispiel klare Regeln für Homesharing mit einer Obergrenze von insgesamt 182 Tagen im Jahr. Eine solche Obergrenze ist ein objektives Kriterium, das eine Unterscheidung zwischen Homesharern und professionellen Anbietern ohne unnötigen bürokratischen Aufwand und kostspieligen, teilweise abweichenden Einzelfallentscheidungen erlaubt.

Eine ziemlich großzügige Regelung.

Hamburg ist sehr progressiv und fördert das Homesharing-Segment. Es dürfen entweder maximal 50 Prozent der Fläche genehmigungsfrei ganzjährig vermietet werden oder die gesamte Wohnung, wenn der Gastgeber sie überwiegend selbst nutzt. Das ist für die Bürger eine nachvollziehbare, pragmatische Regelung. Hamburg ist aber nur ein Beispiel. Auch in München ist Homesharing ohne vorherige Genehmigung für einen begrenzten Zeitraum möglich. Auch viele andere Städte in Europa haben klare Regeln für Homesharing.

Aber wer seine Wohnung insgesamt fast ein halbes Jahr vermietet, verdient doch richtig Geld.

Der typische Gastgeber in Deutschland und Berlin vermietet sein Zuhause etwa 28 Tage im Jahr und verdient damit ungefähr 1.500 Euro. Das ist ein zusätzliches Einkommen, kein gewerbliches Vermieten. Sehr viele Menschen sind unter der Woche häufig auf Dienstreise oder haben ihren Lebenspartner in einer anderen Stadt. Ihre eigene Wohnung steht in der Zeit leer. Durch die gestiegene Mobilität haben sich die Lebensweisen der Menschen stark verändert. 

Können Städte denn mit diesen Obergrenze überhaupt sicherstellen, dass wirklich nur Inserate auf der Plattform stehen, die aus privaten Wohnungen bestehen?

Airbnb kann auf der Plattform technisch implementieren, dass Angebote über den erlaubten Zeitrahmen hinaus nicht mehr buchbar sind. Das haben wir beispielsweise in Amsterdam und London eingeführt. Dazu braucht es aber klare Gesetze und die Bereitschaft einer Stadt, zusammenzuarbeiten. 

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