Wirtschaft : Airbus baut auf China

Erstmals Endmontage-Werk außerhalb Europas / Experten warnen vor Technologieklau

Nils-Viktor Sorge

Düsseldorf - Der angeschlagene Flugzeughersteller Airbus baut seine Position in China mit einem Milliardengeschäft aus. Airbus-Chef Louis Gallois unterzeichnete am Donnerstag in Peking einen Vertrag über die Lieferung von 150 Maschinen des Typs A 320. Der Konzern verpflichtete sich im Gegenzug, die Flugzeuge ab 2009 in der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin zu bauen und damit erstmals ein Werk für die Endmontage außerhalb Europas zu errichten. Experten warnten, chinesische Firmen könnten sich durch das Geschäft Wissen aneignen und Airbus so langfristig schwächen.

Der Auftrag umfasst laut Airbus-Listenpreis knapp acht Milliarden Euro. Analysten zufolge sind bei Großbestellungen dieser Art jedoch Rabatte von 20 bis 30 Prozent üblich. Die Papiere der Airbus-Mutter EADS notierten zeitweise mehr als vier Prozent im Plus, auch weil der US-Billigflieger Skybus nach Airbus-Angaben 65 Maschinen vom Typ A 319 bestellte, der in Hamburg gebaut wird. Zudem sicherte sich das chinesische Konsortium Optionen auf 20 Langstreckenjets vom Typ A 350, über dessen Produktion aber noch nicht entschieden ist.

Damit festigen die Maschinen mittlerer Größe ihre Rolle als Ertragsbringer bei Airbus. Die Lieferprobleme mit dem Großflugzeug A 380 hatten EADS in eine Führungskrise gestürzt und für finanzielle Probleme gesorgt.

Mit den Zugeständnissen in China erkauft sich Airbus den Zugang zum boomenden chinesischen Luftverkehrsmarkt und erhöht den Druck auf den Erzrivalen Boeing, der in dem bevölkerungsreichsten Land der Erde mit Airbus etwa gleichauf ist. „Wir sind beeindruckt vom Wachstum der chinesischen Luftfahrtindustrie“, sagte Gallois und kündigte an, die Zusammenarbeit mit den chinesischen Partnern auszudehnen.

Luftfahrt-Experten warnten jedoch bereits, chinesische Unternehmen könnten nun Airbus-Wissen für den Aufbau eines eigenen schlagkräftigen Flugzeugherstellers übernehmen. „Die Chinesen wollen auf diesem Weg sicher auch lernen, wie Flugzeuge in der Größenordnung gebaut werden, und diese kopieren“, sagte Luftfahrt-Analyst Per-Ola Hellgren von der Landesbank Rheinland-Pfalz. „Airbus muss aufpassen, dass es nicht alle Schlüsselkompetenzen nach China transferiert und Chinesen mit ihnen eine eigene Fertigung hochziehen“, sagte sein Kollege Stefan Maichl von der Landesbank Baden-Württemberg. Seit Jahren erwarten Experten, dass die beiden größten Flugzeughersteller Airbus und Boeing in einigen Jahren ernsthafte Konkurrenz bekommen könnten, und nennen in diesem Zusammenhang immer wieder China.

„Letztlich verstärkt Airbus durch seine Fertigung in China die Wettbewerbsstellung gegenüber Boeing“, sagte Maichl. Unterm Strich überwiege die Chance, vom chinesischen Wachstum zu profitieren. China hat laut einer Boeing-Studie in den kommenden 20 Jahren einen Bedarf an 2 900 neuen Flugzeugen im Gesamtwert von 280 Milliarden US-Dollar, wie Staatsmedien berichteten. 2025 sollen in China 3900 Passagier- und Frachtjets unterwegs sein.

Airbus rechnet nicht mit unerwünschtem Technologietransfer. „Airbus hält an dem chinesischen Joint Venture 51 Prozent und hat damit die Kontrolle“, sagte ein Firmensprecher dem Tagesspiegel. Wichtige Posten würden mit Airbus-Leuten besetzt, außerdem sei es technisch zu anspruchsvoll, den Airbus-Produktionsprozess einfach zu übernehmen.

Ob das Milliardengeschäft mit China Arbeitsplätze in Europa gefährdet oder sichert, ist umstritten. Ein Sprecher der IG Metall Küste begrüßte das Abkommen. „Das ist ein richtiger Schritt in einer langfristigen Wachstumsstrategie“, sagte er dieser Zeitung. Von dem A 320-Auftrag profitierten Zulieferbetriebe in Europa. Da die Flugzeuge mit den gegenwärtigen Kapazitäten ohnehin nicht so schnell wie von China gewünscht produziert werden könnten, seien auch keine Stellen gefährdet. Die französische Gewerkschaft CGT warnte indes, dass nun in Europa verschärft Stellen abgebaut werden könnten.

Auch der IG-Metall-Sprecher warnte davor, Forschung und Entwicklung nach China zu transferieren. „Mehr als die Endfertigung darf nicht ausgelagert werden.“

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