Wirtschaft : Airbus kündigt für 2002 Kurzarbeit in einigen Werken an

tmh/gof/HB

Der europäische Luft- und Raumfahrtkonzern EADS plant für das kommende Jahr in einigen Werken Kurzarbeit und im Jahr 2003 werde sich die Lage wahrscheinlich weiter verschärfen. Davon geht jedenfalls Rainer Hertrich, der deutsche EADS-Chef, aus. Die Airbus-Produktion ( siehe Lexikon ) im Jahr 2003 werde wahrscheinlich noch unter der bereits korrigierten Prognose von 300 Maschinen für 2002 liegen, sagte er am Dienstagabend vor Journalisten in München. In diesem Jahr liege die Produktion der Passagierjets, die EADS zuletzt gestützt haben, noch bei 320 Maschinen. Bei weiteren Einbrüchen auf eine Jahresproduktion unter 280 seien Entlassungen nicht mehr zu vermeiden. Die EADS-Aktie notierte am Mittwoch unverändert.

Alles in allem stellt sich die EADS 2002/03 auf eine zunehmende Nachfrageschwäche für Passagierflugzeuge ein, die nach den Terrorakten in den USA noch an Schärfe gewinnt. Die Airlines sind wesentlich zurückhaltender geworden bei der Bestellung neuer Jets. Die Ausübung bestehender Optionen auf die Lieferung neuer Maschinen wurde teilweise auf später verschoben. Durch die Pleiten einiger Luftfahrtgesellschaften wie die schweizerische Swissar oder die belgische Sabena wurden die Flugzeugbauer zusätzlich belastet.

Die Branche stehe am Anfang einer Krise, die allerdings nur ein vorübergehendes Phänomen sei, sagte Hertrich. Niemand könne aber derzeit sagen, wie lange sie dauern werde und wie tief sie gehe, räumte er ein. Lediglich für kommendes Jahr habe man nach Befragung aller Airlines ein relativ klares Bild erhalten. Demnach sei es "die vernünftigste Annahme", für 2002 vom Bau von rund 300 Airbus-Flugzeugen auszugehen. Ursprünglich hatte EADS für das Jahr die Produktion von 400 Ziviljets prognostiziert. Deshalb würden Kapazitäten nun nicht wie vorgesehen aufgebaut. Über den bereits verhängten Einstellungsstopp hinaus seien aber im Gegensatz zum US-Konkurrenten Boeing keine Stellenstreichungen geplant. Allerdings werde es 2002 "im einen oder anderen Airbus-Werk" befristete Kurzarbeit geben, kündigte Hertrich an. Darüber werde derzeit mit der Belegschaft gesprochen. Falls es 2003 zu einem weiteren Rückgang der Airbusproduktion kommt, drohen auch in Europa Stellenstreichungen. Denn der jetzige Airbus-Personalstand von 44 000 Mitarbeitern lasse sich nur bis zu einer Jahresproduktion von 280 Maschinen aufrecht erhalten, sagte Hertrich.

Die offene Frage ist, ob die Produktion 2003 unter dieses Niveau fällt. Insgesamt beschäftigt EADS rund 100 000 Personen. Längerfristig findet die Branche wieder zu den hohen Wachstumsraten der jüngsten Vergangenheit zurück, ist sich Hertrich sicher. Zuletzt legten die Flugzeugbauer global jährlich im Schnitt knapp sechs Prozent zu. 2001 sei für die EADS nochmal ein gutes Jahr, freute sich der deutsche Konzernchef. Es bleibe bei der jüngsten Prognose, wonach die EADS-Umsätze um ein Fünftel auf 29 Milliarden Euro und die Gewinne vor Steuern und Zinsen um 15 Prozent auf 1,6 Milliarden Euro zulegen, was vor allem auf den Airbus zurückgeht. Damit habe die EADS, die an der Airbus-Gesellschaft vier Fünftel der Anteile hält, nun sowohl nach Stückzahl als erstmals auch nach Wert Boeing überflügelt und 2001 gut 50 Prozent Marktanteil erreicht, sagte Hertrich. Bis Ende November sind 352 Bestellungen bei Airbus eingegangen, unter anderem für das neue Spitzenmodell A 380 mit seinen maximal 800 Sitzplätzen, mit dem die Europäer das traditionelle Boeing-Monopol bei Riesenjets brechen wollen. Der 11. September habe nicht nur im zivilen Flugzeuggeschäft für eine Eintrübung gesorgt, sondern in der EADS-Rüstungssparte auch für bessere Geschäftschancen, sagte Hertrich. Er hofft dabei nicht nur auf den Militärtransporter A 400 M. Auch die Möglichkeit für internationale Partnerschaften seien nun gestiegen. "Es ist ein Fenster offen für transatlantische Kooperationen", sagte Hertrich mit Blick auf US-Konzerne. Mit Italiens Luft- und Raumfahrtkonzern Finmeccanica spreche EADS derzeit wieder über eine engere Zusammenarbeit.

Beim Militärtransporter zeichnete sich am Mittwoch zwar ab, dass Bundesverteidigungsminister Scharping die Bestellung für insgesamt 73 A 400 M nächste Woche unterschreibt. Doch angesichts der Widerstände innerhalb der Koalition muss der Minister noch beträchtliche Abschläge beim Kaufpreis durchsetzen. Ansonsten risikiert er eine nachträgliche Ablehnung durch den Bundestag. Auf Basis der bislang im Haushalt vorgesehenen zehn Milliarden Mark könne man mehr als 50, sagte Scharping. Danach würde eine Maschine weniger als 200 Millionen Mark kosten.

Kauf beschlossen

Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) wird voraussichtlich schon in der nächsten Woche den Vertrag zur Beschaffung von 73 Großraumtransportflugzeugen des Typs Airbus A400M unterschreiben. Der Auftragswert wird auf 15 Milliarden Mark geschätzt. Dies wurde am Mittwoch gegen das ursprüngliche Votum der rot-grünen Haushaltspolitiker von den Spitzen der Bundesregierung und Koalitionsfraktionen beschlossen. Der Airbus soll die 30Jahre alten Transall-Maschinen der Bundeswehr von 2008 an ersetzen. Neben den Briten hatte vor allem Frankreich den Deutschen vorgeworfen, das Projekt zum Aufbau gemeinsamer europäischer Streitkräfte zu gefährden.

Die Finanzierung des Geschäfts konnte am Mittwoch auch nur auf erheblichen politischen Druck hin vereinbart werden. Schröder, Scharping sowie Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) und die Fraktionschefs von SPD und Grünen, Peter Struck und Rezzo Schlauch, verständigten sich auf eine Verdoppelung der im Haushalt 2003 bisher vorgesehenen Mittel von zehn Milliarden Mark. Die zusätzlichen Gelder werden aber nur als Verpflichtungsermächtigung eingestellt, die noch nicht kassenwirksam ist.

Erst wenn der Etat 2003 und damit die Verpflichtungsermächtigung endgültig vom Bundestag verabschiedet werden, ist "klar, dass Deutschland diese Mittel auch langfristig zur Verfügung stellt", sagte der grüne Finanzexperte Oswald Metzger. Man müsse 2003 entweder Abstriche beim Airbus machen oder das Geld an anderer Stelle einsparen, warnte der Grünen-Politiker. Der gefundene Kompromiss helfe der Regierung, "außenpolitisch das Gesicht zu wahren." Scharping erklärte, dass der Systempreis für den Transporter noch nicht feststehe. Ein bisher genannter Stückpreis von 250 Millionen Mark sei zu hoch. gof/ebe/mwb/HB

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