Wirtschaft : Airline-Aktien: Fusionsfantasien beflügeln die Wertpapiere

kol

Die Reaktion war heftig: Kaum hatte KLM-Chef Leo von Wijk Mitte August angedeutet, dass die Verhandlungen über eine Fusion mit British Airways (BA) schon bald abgeschlossen werden könnten, machte die Aktie von KLM einen Sprung um sechs Prozent auf 32,20 Euro. Schon nach den ersten Gerüchten über eine Übernahme von KLM durch British Airways Ende Mai dieses Jahres schoss der KLM-Kurs in die Höhe und pendelt seitdem parallel zu den Fusionsverhandlungen um 30 Euro.

Die Airline-Branche fliegt in turbulenten Zeiten. Während der hohe Ölpreis die allgemeine Distanz der Börsianer zur fliegenden Industrie weiter verstärkt, ist es besonders ein Thema, das die Beobachter elektrisiert: Fusionen. Waren es bisher eher die Allianzen zwischen Fluggesellschaften, die die Fantasie der Analysten beflügelten, werden nun auch komplette Zusammenschlüsse denkbar.

Den Anfang machten KLM und Alitalia, deren Gespräche über eine Fusion jedoch wegen zu großer Differenzen abgebrochen wurden. Nun verhandeln KLM und BA über einen Zusammenschluss, und auch die Swissair-Mutter SAir Group zeigt Interesse an einer Verbindung mit dem britischen Konkurrenten. Und in den Vereinigten Staaten schickt sich gerade United Airlines an, US Airways zu übernehmen und damit die Konkurrenz weit hinter sich zu lassen. Viele Analysten stehen dieser neuen Situation erst einmal abwartend gegenüber: Während einige die Aktien von Übernahmekandidat KLM zum Kauf empfehlen, darunter Damien Horth von ABN Amro, warten die meisten ab. Über 44 Prozent der in den vergangenen zwölf Monaten abgegebenen Empfehlungen raten den Anlegern, die Aktien von KLM zunächst zu halten.

Die Vorsicht ist nicht ganz unbegründet. Denn noch stehen insbesondere grenzüberschreitende Fusionen zwischen Fluggesellschaften vor zahlreichen rechtlichen Hürden. So sind beispielsweise die Flugrechte der Airlines meist noch an zwischenstaatliche Abkommen gebunden. "Aber letztlich sind Zusammenschlüsse auch in dieser Branche unvermeidlich", sagt Morris Garfinkle, President von GKMG Consulting Services und einer der gefragtesten Berater in der Airline-Industrie. Und auch Ulrich Horstmann, Analyst der Bayerischen Landesbank, stellt fest: "Die Luftverkehrsbranche steht nach der Bildung von Allianzen jetzt vor möglichen Großfusionen." Diese Fusionen werden die Branche grundlegend verändern. "Die Fluggesellschaften, die diese Vision frühzeitig erkennen, werden die Gewinner sein - Fluggesellschaften, die das nicht erkennen, werden verlieren", mahnt Berater Garfinkle. Sollte die Fusion von BA und KLM durchkommen, gerät die gesamte europäische Airline-Industrie unter Konsolidierungsdruck. "Selbst Air France und Lufthansa können davon nicht unberührt bleiben", so Garfinkle.

Gut ausgebaute Allianznetze können dabei eine Zeit lang den Konsolidierungsdruck mildern. Insbesondere die Deutsche Lufthansa hat sich mit ihrem engen Netz von europäischen Partnern nach Ansicht von Experten gut positioniert. Doch auch hier kann die enger werdende Zusammenarbeit langfristig in einen Zusammenschluss münden, um die Synergiepotenziale besser auszuschöpfen - oder auch um Partnerschaften gegen feindliche Übernahmen abzusichern. Beispiel Air Canada: Hier hat die Star Alliance um Lufthansa und United Airways durch den finanziellen Einsatz die feindliche Übernahme ihres Partners abgewehrt. "Hier hat Lufthansa ein klares Signal gegeben, dass sie wenn nötig zu einem finanziellen Engagement in der Lage ist", sagt Christian Obst, Analyst der Hypo-Vereinsbank.

Und auch Lufthansa-Finanzvorstand Karl-Ludwig Kley lässt keinen Zweifel daran, dass, wenn es zu Fusionsaktivitäten käme, Lufthansa zu den kaufenden und nicht zu den gekauften Gesellschaften gehören würde. "Wir sind die finanziell am besten ausgestattete Fluggesellschaft", erklärt Kley selbstbewusst.

Ein bißchen Fusionsfantasie könnte der Lufthansa-Aktie nicht schaden. Zwar empfehlen fast alle Analysten das Papier zum Kauf, und als Kursziel wird unisono ein Wert von um die 30 Euro gehandelt. Doch nach einem vielversprechenden Start in diesem Jahr ist der Wert nun wieder in den Tiefflug gegangen und liegt um die 23 Euro. Dabei ist Lufthansa nach Einschätzung von Analysten für künftige Herausforderungen gut gerüstet. "Lufthansa hat noch viele Bereiche, die nicht zum eigentlichen Fluggeschäft gehören, in denen sie sich von Teilen trennen kann, wenn sie Kapital braucht", so Analyst Obst.

Im Aufwind dagegen ist Air France ungeachtet des Concorde-Unglücks. Ihr halfen jüngste Analystenempfehlungen: So setzte etwa die Deutsche Bank ihr Kursziel für die Franzosen von 23 Euro auf 27 Euro hoch. Analysten sehen insbesondere die engere Zusammenarbeit mit Delta Air Lines in der Allianz Skyteam als Basis für den Erfolg der Fluggesellschaft.

Auch jenseits des Atlantiks haben Fusionspläne Bewegung in die Airline-Aktien gebracht. Sollte die geplante Fusion zwischen United Airlines und US Airways vom US-Justizministerium genehmigt werden, so die einmütige Einschätzung aller Experten, werden weitere Großfusionen unvermeidlich sein. Potenzielle Übernahmekandiaten sind dabei Continental Airlines und Northwest Airlines, deren Kurse seit Wochen schon langsam, aber sicher steigen. "Sobald sich eine Genehmigung der Fusion von United und US Airways abzeichnet, werden die Kurse der beiden Unternehmen nochmal steil in die Höhe gehen", ist sich Morris Garfinkle sicher.

Auch aus Sicht von Merrill Lynch ist insbesondere Northwest ein sehr attraktiver Übernahmekandidat. Pluspunkte des Unternehmens sind dabei seine Beteiligung an Continental und die erfolgreiche Partnerschaft mit der niederländischen KLM. "Investoren, die davon überzeugt sind, dass die Airline-Industrie vor der Konsolidierung steht, bietet der Einstieg bei Northwest das beste Aufwärtspotenzial", so die Einschätzung von Candace Browning von Merrill Lynch.

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