Wirtschaft : Aktien: Die Ware Hoffnung

Susanne Schmitt

Morgens um sieben kommen die Ersten. "Da müssen Informationen und Research-Berichte gecheckt werden. Vorgaben von den Börsen in den USA oder aus Fernost werden analysiert, und daraus lassen sich schon Trends ablesen", erzählt Christopher Maaß vom Optionsscheinteam der Commerzbank. "Ab acht werden die Kunden angerufen. Dann muss man gut darüber informiert sein, was heute gehandelt werden soll."

Im neuen Handelszentrum der Bank beginnt der Arbeitstag früh. Und er endet für die meisten Händler spät - erst um acht, wenn die Börsen schließen. Bis zu fünf Bildschirme stehen an einem Arbeitsplatz. Alle Börsenkurse der Nachrichtenagentur Reuters werden im Sekundentakt über einen Extra-Schirm gejagt, auf zwei oder drei Rechnern laufen die hauseigenen Programme. Die Händler haben alles im Blick. Das ist ihr Alltag: vor den Bildschirmen sitzen, mit Kunden und Maklern telefonieren und - wenn es darauf ankommt - so schnell wie möglich auf Informationen reagieren.

Das Geschäft ist nervenaufreibend. Immer mehr Aktienkurse schwanken mittlerweile beachtlich. Ein Auf und Ab von fünf bis zehn Prozent oder mehr an einem Handelstag sind keine Seltenheit mehr. Diese Kursdifferenzen bieten Gewinnpotenziale, die die Händler zu nutzen wissen.

Ein Saal größer als ein Fußballfeld

Vom Balkon im dritten Stock hat man einen grandiosen Ausblick auf den Händlersaal. Seine Ausmaße sind gigantisch. Mit 150 Metern Länge und 30 Metern Breite ist der Saal größer als ein Fußballfeld. Die Commerzbank hat den größten Handelsraum Europas im vergangenen Herbst im neuen Frankfurter Europaviertel nördlich des Hauptbahnhofs eröffnet - rund zwei Kilometer Luftlinie vom Commerzbank-Tower am Kaiser-Platz im Herzen des Bankenviertels entfernt. Die Banker fühlen sich wohl im neuen Händlerhaus, auch wenn die Gegend nicht sehr aufregend ist. In der Mittagspause gibt es außer der Firmenkantine keine große Auswahl. Zurzeit sind die Commerzbanker von Baustellen umgeben. Vor allem die Messe breitet sich hier aus.

Vormittags um halb elf sind fast alle Arbeitsplätze besetzt. Rund 500 Händler arbeiten hier. Alle Geschäfte rund um Aktien, festverzinsliche Wertpapiere, Devisen oder die nachgelagerten Produkte wie Optionsscheine werden hier abgewickelt. "Dabei ist es erstaunlich ruhig, nicht wahr", sagt Optionsscheinhändler Maaß und lacht. Das Material von Teppichen und Möbeln sei so gewählt worden, dass es den beschäftigten Händlern nicht zu laut wird. "Wir sind sehr zufrieden. Die Wege sind kurz, und die Kommunikation klappt viel besser."

An einer langen Theke sitzen immer sechs Händler, von ihrem Gegenüber jeweils durch eine halbhohe Wand getrennt. So folgt Tischreihe auf Tischreihe, 150 Meter lang. Im Mittelgang fährt gerade der Bistrowagen Kaffee und Snacks aus, ähnlich wie im Intercity. Über den Tischen hängen riesige Bildschirme. Zu sehen gibt es Nachrichten - manchmal auch Sport.

Nachhilfe an der Optionsschein-Hotline

Die Optionsscheinhändler sind im Augenblick dabei, ihre Zertifikate, ihre Calls und Puts für eine Teletext-Redaktion aufzubereiten. Selbst Kleinanleger können sich im Internet und im Videotext fast aller Fernsehsender Aktienkurse zeitnah anschauen. Bei Optionsscheinen ist das noch nicht so. Sie sind nach wie vor etwas für erfahrene Anleger, denn die Spekulation mit den Scheinen gehört zu den risikoreicheren Varianten des Börsengeschäfts. Trotzdem hat sie erheblich an Bedeutung gewonnenen.

Optionsscheine berechtigen innerhalb einer bestimmten Zeitspanne zum Bezug von Aktien, Devisen oder Edelmetallen in einem bestimmten Verhältnis zu einem vorher festgelegten Preis. Einfach zu verstehen ist das nicht, und deshalb hat die Bank eine Hotline geschaltet. Die Kunden können so direkt mit den entsprechenden Derivatefachleuten im Handelsraum sprechen. "Viele Fragen drehen sich natürlich um die Kurse", sagt Maaß. Beschwerden gebe es auch zuweilen, vor allem über die Qualität der Preisgestaltung. Maaß: "Das können wir natürlich widerlegen."

Die Commerzbank ist nicht die einzige Frankfurter Großbank, die alle Investmentbanker in einem Haus versammelt. Die Deutsche Bank hat ihr neues Investmentbanking Center im Januar bezogen. Bei der Dresdner Bank ist es bald soweit. Vielleicht hatten die Planer den Film "Wall Street" im Kopf, als sie die Häuser Mitte der 90er Jahre planten. Doch die glorreichen Zeiten explodierender Kurse sind vorbei. Darüber können auch die neuen Handelszentren der Banken nicht hinwegtäuschen.

Nach Abklingen des Börsenrauschs ist am Main Realismus eingekehrt: Frankfurt ist international betrachtet allenfalls zweite Liga. London zählt rund 600 000 Banker, etwa zehn Mal so viele. Und an der Themse wird ein Aktienvermögen gehandelt, das dem Achtfachen des in Frankfurt bewegten Volumens entspricht. Dennoch halten die deutschen Banken an Frankfurt fest. Auch wenn das Gerücht, der Branchenprimus Deutsche Bank werde nach London umziehen, jüngst für erhebliche Unruhe sorgte.

Die Vergangenheit des Börsenplatzes lässt sich in Frankfurt ein paar Straßen weiter besichtigen. Keine Anzeichen von Hektik finden sich auf dem Parkett der Wertpapierbörse, keine Händler, die ihre Angebote schreien oder mit den Händen gestikulierend sich Zeichen geben, mit denen Unkundige nichts anfangen können. Zu hören ist eigentlich nichts weiter als das Rattern der Anzeigetafel, an der die Kurse aller gehandelten Aktien abzulesen sind.

Bröckelnde Börsenkultur

Durch die Einführung der elektronischen Handelsplattform Xetra im Jahr 1997 wird ein immer größerer Teil der Präsenzbörse auf dieses Computersystem verlegt. Noch hält sich die Deutsche Börse zurück, aber ein Gerücht hält sich hartnäckig: Der Parketthandel soll noch in diesem Jahr abgeschafft werden. Verschwinden würde damit auch ein Teil der Börsenkultur und ein Symbol des Marktplatzes. Doch die Händler liefern meist nur noch die Kulisse für die Fernsehsender, die von der Galerie des Börsensaals berichten. Über Trends, die längst nicht mehr hier gemacht werden.

Dennoch: Die Fieberkurve des Deutschen Aktienindex Dax zieht alle Blicke auf sich - die der Händler im Börsensaal und die ihrer Kollegen auf den Commerzbank-Fluren. "Eine recht trostlose Stimmung", charakterisiert einer den aktuellen Stand. Es ist an diesem Tag wie so oft: Ohne die Börsen in den USA kommen die deutschen Märkte einfach nicht in Schwung. Wenn am späten Nachmittag Frankfurter Ortszeit die größte Börse der Welt in New York ihre Tore öffnet, steigt die Spannung auch am Main. Eine freundliche Eröffnung am Morgen kann dann schnell in den roten Zahlen enden. Die Stimmung, das wissen alle am Markt, wird immer noch an der Wall Street gemacht.

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