Wirtschaft : Aktien: Zeit des Ausverkaufs

jop

Es kommt dieser Tage öfter vor: Scheinbar grundlos legen einige Werte stärker zu als der Markt. Allerdings kann man auch das erklären, nämlich über den Buchwert der entsprechenden Unternehmen. "Das ist typisch für Ausverkaufsbewegungen an der Börse", sagt André Will-Laudien vom Bankhaus Reuschel, "jetzt geht die Buchwert-Diskussion los". Einige Aktien sind so tief gefallen, dass sie weniger wert sind als der Buchwert - am Neuen Markt nicht ungewöhnlich, für den Dax ist das jedoch nicht die Regel.

Der Buchwert stellt die Substanz einer Firma dar. Notiert ein Unternehmen darunter, bekäme der Aktionär im Fall einer Unternehmensauflösung mehr ausgezahlt, als wenn er die Papiere auf dem Parkett verkaufte. Nun braucht man aber nicht gleich eine Pleitewelle zu befürchten. Zwar sind im Dax Schwergewichte der Wirtschaft betroffen, doch Analyst Will-Laudien beruhigt: "Dax-Unternehmen sind in der Regel viel zu groß, als dass sie in Abschwungsphasen sofort in Schwierigkeiten geraten."

Für den Aktionär kann der Buchwert pro Aktie eine nützliche Rolle spielen: Unter ihn sollte ein Unternehmensanteil bei kurzfristigen operativen Verlusten nicht sinken. "Man kann relativ sicher sein, einen Standardwert günstig gekauft zu haben, wenn er in der Nähe seines Buchwertes notiert", erklärt Will-Laudien. Der Kleinanleger kann also jetzt gezielt nach solchen Unternehmen suchen, um sein Depot zu bestücken.

Auch potenzielle Aufkäufer behalten gerade in Zeiten schwacher Börsen die Substanzwerte ihrer Konkurrenten im Blick. Der Grund ist klar: Bei einer Übernahme per Aktientausch kann man mehr Substanz erlösen als das Parkett verspricht. Kommt also aus der Krise plötzlich Übernahmephantasie in die Märkte? "Natürlich ist die Zeit für Übernahmen sehr günstig", sagt Will-Laudien. "Dafür müsste der Aufkäufer aber irgendwoher ganze Aktien-Pakete bekommen."

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich gerade Großaktionäre von ihren Anteilen unter Substanz trennen, sei aber gering, sagt der Analyst. Außerdem ist dieser Ausnahmezustand meist nur von kurzer Dauer. Zum einen werten dies viele Anleger als Kaufsignal. Zum anderen sinkt die Aussagekraft einer Bilanz im Laufe des Geschäftsjahres. "Verkauft zum Beispiel ein Unternehmen ein Grundstück, um operative Ausgaben zu decken, sinkt der Buchwert sofort. Ausgewiesen wird der reduzierte Wert erst später. Als Kalkulationsbasis dient die zuletzt veröffentlichte Bilanz jedoch noch eine längere Zeit", erklärt Will Laudien.

Wenn Aktien unterhalb ihres Buchwertes notieren, hängt das aber auch von dessen Qualität ab. So erklärt Robert Suckel von SES Research: "Werden viele immaterielle Vermögenswerte aktiviert, erhöht sich das bilanzielle Risiko", das heißt, der Buchwert ist eventuell ungerechtfertigt hoch - für den Analysten ein Grund, weshalb dieser Fall am Neuen Markt häufiger vorkommt.

Ist der Buchwert aber real existent, gilt er nach Einschätzung Suckels als Bewertungsuntergrenze für ein Wertpapier. "Es wird dann nur noch das bewertet, was effektiv da ist", sagt der Analyst.

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