Wirtschaft : Aktienfieber: Die Deutschen - ein Volk von Aktionären

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Die Deutschen sind auf dem besten Wege, ein Volk von Aktionären zu werden. 11,32 Millionen Bundesbürger besitzen inzwischen Aktien oder Aktienfonds - so viele wie nie zuvor. Wie das Deutsche Aktieninstitut (DAI) am Dienstag mitteilte, stieg der Anteil der Wertpapierbesitzer an der Bevölkerung von 12,9 Ende 1999 auf nun 17,7 Prozent. Die steigende Nachfrage freut die Fondsgesellschaften: Investmentpapiere sind bei den Anlegern besonders beliebt. Die sechs größten deutschen Fonds-Gesellschaften verwalten ein Vermögen von zusammen rund 629 Milliarden Mark.

Mit ihrer wachsenden Begeisterung für die Börse schlössen die Deutschen nun zu anderen Industrienationen auf, sagte Rüdiger von Rosen, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DAI. Infratest-Umfragen im Auftrag des Aktieninstitutes hätten ergeben, dass der direkte Aktienbesitz im ersten Halbjahr 2000 um knapp 25 Prozent zugenommen habe. "Dass über sechs Millionen Bundesbürger Aktien in ihren Depots halten, ist angesichts des sich wandelnden Bewusstseins um die Chancen und Risiken der Aktie nicht verwunderlich", sagte von Rosen. Auslöser für diese Entwicklung seien die großen, medienwirksamen Emissionen im Frühjahr gewesen. Viele Anleger hätten bei diesen Emissionen erstmals gezeichnet. Zugleich zeigte sich Rosen überzeugt, dass solch rasante Wachstumsraten in den nächsten Jahren nicht beibehalten würden. Er gehe aber von einem "kontinuierlichem Wachstum" aus.

Im internationalen Vergleich relativiert sich die Entwicklung hier zu Lande freilich: In den USA etwa zählt die private Finanzplanung mit Aktien und Fonds schon lange zum Alltag der Haushalte. Nach DAI-Angaben halten fast 50 Prozent der US-Bürger Aktien oder Fonds. Aber auch im europäischen Vergleich liegen die Deutschen allenfalls im Mittelfeld. So ist heute schon jeder dritte Spanier an der Börse investiert, in Schweden halten 35 Prozent der Bevölkerung Aktien oder Fonds, in Dänemark und den Niederlanden sind es 30 Prozent.

Bei deutschen Sparern erweisen sich besonders Aktienfonds als besonders attraktiv. Vor dem Hintergrund der Debatte um die Zukunft des gesetzlichen Rentensystems greifen immer mehr Deutsche zur bequemsten Form des Aktiensparens. Nachdem 1999 die Zahl der Besitzer der Investmentzertifikate mit 4,7 Millionen noch unter der Zahl der Direktaktionäre lag, halten nach DAI-Erkenntnissen nun knapp acht Millionen Anleger Aktienfonds.

Zu erklären ist der extreme Anstieg der Anteilbesitzer am ehesten durch eine große Anzahl von Neueinsteigern, die sich mit kleineren Beträgen engagierten. Einen wichtigen Beitrag bei der Gewinnung neuer Anleger leisteten die Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbank mit ihren Fondsgesellschaften Deka und Union Investment. Schon kurz vor der Jahreswende hatten sie über die dramatisch steigende Zahl von Fondsdepot-Eröffnungen berichtet. Hintergrund ist der Nachholbedarf klassischer Sparkassen- und Volksbankenkunden bei der direkten und indirekten Aktienanlage im Gegensatz zu den Kunden der Großbanken.

Der Fondsverband BVI wird an diesem Mittwoch Zahlen veröffentlichen, die diese Entwicklungen untermauern. Danach sammelten Deka und Union Investment im ersten Halbjahr netto 12,0 und 9,1 Milliarden Euro ein. Dagegen bringen es beispielsweise die Investmentgesellschaften von Deutsche und Dresdner Bank nur auf 5,7 bzw. 4,3 Milliarden Euro. Es handelt sich um die NettoZuflüsse in Wertpapier-Publikumsfonds und Geldmarktfonds, wobei Aktienfonds den weitaus größten Teil für sich beanspruchen. Bei den Marktanteilen - gemessen am Mittelaufkommen - liegen Deka und Union mit 29 beziehungsweise 22 Prozent weit vor den Konkurrenten. Alle deutschen Kapitalanlagegesellschaften sammelten netto 40,7 Milliarden Euro ein.

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