Aktieninstitut zum Dax-Rekord : „Langsam verstehen auch die Deutschen“

Steigt der Dax weiter - oder geht es bald bergab? Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts, spricht im Tagesspiegel-Interview über Verbraucherängste, Mängel im Bildungssystem und risikoarme Anlagestrategien.

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Zuversichtlich. Christine Bortenlänger spekuliert auch selbst erfolgreich an der Börse.
Zuversichtlich. Christine Bortenlänger spekuliert auch selbst erfolgreich an der Börse.Foto: picture alliance / dpa

Frau Bortenlänger, wie stehen Ihre Aktien?

Meine eigenen? Wunderbar. Ich bin vor ein paar Jahren zum richtigen Zeitpunkt eingestiegen. Es zeigt sich, dass Aktien mittel- und langfristig Freude machen.

Das heißt in Prozenten?

Ein Kursgewinn von 8,5 Prozent – plus Dividenden. Ich bin sehr zufrieden.

Die Stimmung ist generell gut am Aktienmarkt. Der Dax erreicht Rekordstände, die Händler jubeln. Wenn das Geschrei am größten ist, geht es bald wieder bergab, heißt es. Wie ist Ihre Prognose?

Wer noch kurzfristig Gewinne machen will, sollte jetzt besser nicht mehr einsteigen. Das Risiko ist zu groß. Wenn alle Aktien haben wollen, gibt es die berühmte „Milchmädchen-Hausse“. Mit einer langfristigen Perspektive von zehn oder 20 Jahren kann man aber immer einsteigen. Den tiefsten oder höchsten Punkt erreicht man ohnehin nie. Am besten legt man immer mal wieder kleinere Beträge an, statt die gesamte Erbschaft auf einen Schlag. Dann kauft man zu guten Durchschnittskursen.

Es gibt nicht wenige Anleger, die noch Verluste aus der Jahrtausendwende vor sich her schieben – mit grundsoliden Fonds, keineswegs mit Internetaktien.

Vergessen Sie nicht die Dividenden. Rechnet man die Ausschüttungen in die Renditen ein, stehen die meisten Papiere über Fristen von zehn, 15 Jahren im Plus. Man sollte aber nicht alles auf eine Karte setzen. Die Börse ist kein Wettbüro.

Der Dax wird im Juli 25. Wird es eine gut gelaunte Geburtstagsparty?

Vorausgesetzt, es geht bis dahin nicht steil bergab, wird die Stimmung gut sein. Der Dax hat sich in 25 Jahren – trotz zwischenzeitlicher Verluste – zu einem weltweit bekannten und guten Repräsentanten der deutschen Wirtschaft entwickelt. Das Interesse am Dax zeigt auch, dass die Bevölkerung der Wirtschaft grundsätzlich positiv gegenübersteht.

55 Prozent aller Dax-Aktien liegen in den Händen ausländischer Anleger.

Das ist doch das allergrößte Kompliment, wenn das Interesse ausländischer Investoren so groß ist. Das spricht für die Marke Dax und vor allem für die deutschen Unternehmen. Das heißt nicht, dass ich es aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht auch besser fände, wenn die Dividenden in Deutschland blieben und dort auch wieder investiert würden. Die Deutschen sollten sich von den ausländischen Investoren ruhig ein bisschen anstecken lassen.

Trotz Dax-Rekord hat nicht einmal jeder Fünfte Aktien oder Fonds. Warum nicht?

Weil vor allem junge Menschen immer noch zu wenig über wirtschaftliche Zusammenhänge wissen. Und weil unser Rentensystem und die staatliche Altersvorsorge die Verbraucher nicht an die Aktie herangeführt haben. Man hat sein Geld beim Staat abgeliefert und gehofft, dass man im Alter versorgt wird.

Vielleicht sind wir aus Erfahrung klug geworden nach all den Krisen: Dotcom-, Banken- Finanz- und Schuldenkrise mit jeweils sehr negativen Reaktionen der Börsen?

Diese Erfahrungen haben andere Länder auch gemacht, trotzdem hält die Bevölkerung mehr Aktien. Immerhin scheinen die Deutschen langsam zu verstehen, dass es nicht ums Zocken, sondern um Beteiligungen an Unternehmen, um Sachwerte geht.

Hat Uli Hoeneß, der sich als süchtiger Zocker offenbart hat, das Image der Börse weiter beschädigt?

Nein, das glaube ich nicht. Denn bei der Debatte um Herrn Hoeneß steht und stand nicht das Thema „Zocken an der Börse“ im Vordergrund, sondern die Frage nach der möglichen Steuerhinterziehung eines Einzelnen.

Der Börsengang der Telekom und der Versuch, mit einer „Volksaktie“ eine Aktienkultur zu schaffen, liegen fast 20 Jahre zurück. Trotzdem scheinen die deutschen Sparer traumatisiert. Wer trägt die Schuld?

Vor allem das Bildungssystem. Es ist erschreckend zu sehen, wie wenig selbst gut ausgebildete Menschen von Wirtschaft verstehen. Auch, weil sie zum Beispiel den Wirtschaftsteil der Tageszeitung nicht lesen. Das verstehe ich ja eh nicht, heißt es. Deshalb begrüße ich es, wenn Medien versuchen, die Zusammenhänge verständlich darzustellen. Manchmal könnte das noch einfacher sein. Wir können wirklich nicht genug im Bereich der ökonomischen Allgemeinbildung tun. Wer heute über viel Finanzwissen verfügt, gilt häufig immer noch als suspekt.

Die Finanzmärkte sind so kompliziert geworden, dass es kaum noch möglich ist, sie allgemeinverständlich zu erklären?

Muss man denn alles erklären? Was hat ein privater Kleinanleger davon, wenn er versucht, den computergestützten Hochfrequenzhandel in Dark Pools zu verstehen?

Er ahnt, dass der Finanzmarkt von Computerprogrammen und außerbörslichen Handelsplätzen mehr beeinflusst wird als von seiner kleinen Aktienorder.

Da wird Angst geschürt mit komplexen Dingen, die man nicht versteht. Die deutschen Börsen bieten für Kleinanleger transparente Handelssysteme. Da muss niemand etwas vom Hochfrequenzhandel verstehen. Es reicht ein Blick auf die Dividendenrendite und die Branche, in der ein Unternehmen arbeitet.

Als Anleger hat man dennoch den Eindruck, dass die Kräfte im Casino-Kapitalismus ungleich verteilt sind. Profis treiben mit komplexen Finanzprodukten, die der Laie nicht mehr versteht, den Markt.

Es wird sehr viel in einen Topf geworfen. Natürlich gefährdet es eine Volkswirtschaft, wenn Subprime-Kredite verbrieft und gehandelt werden, ohne dass die versteckten Risiken transparent werden. Natürlich sind unbekannte Aktienwerte von irgendwo auf der Welt riskant, die in irgendwelchen Börsenbriefen gehypt werden. Das ist Zockerei. Aber das hat absolut nichts mit der deutschen oder amerikanischen Aktie eines großen Unternehmens zu tun, die ich mir als Privatanleger zur Altersvorsorge in mein Depot lege.

Die Aktie in allen Ehren – mein Bankberater empfiehlt mir laufend wohlklingende, gebührenpflichtige Zertifikate, die in allen Börsenlagen Gewinn versprechen.

Sie müssen die ja nicht kaufen. Fragen Sie einfach so lange nach, bis Sie wirklich verstanden haben, was das für ein Papier ist.

Tragen die Banken keine Verantwortung dafür, dass viele Anleger mit Zertifikaten finanziell Schiffbruch erlitten haben?

Alle tragen Verantwortung. Natürlich der „Hersteller“ des Produkts, die Bank. Auch die Politik und das Bildungssystem – Stichwort Finanzwissen. Mir ist der kompetente, kritische Bürger lieber, der nachfragt, als der Verbraucher, den ich vor allem schützen muss, weil er angeblich nichts versteht. Im Zweifel sollte er das einfachere Produkt wählen. Und, bitte, in den Banken sitzen nicht nur Kriminelle.

Die Anlageentscheidung fällt auch den Profis inzwischen schwer. Die Zinsen sind extrem niedrig, Staatsanleihen werfen nichts mehr ab, der Goldpreis fällt, Immobilien sind teuer und der Staat kassiert ein Viertel der Kapitalerträge. Was soll man tun? Aktien kaufen?

Auch. Und seine Ersparnisse, soweit es sie gibt, breit streuen. Aber vor allem nicht hektisch werden. Hin und her macht Taschen leer, heißt eine Börsenweisheit.

Kann man ernsthaft Zinsanlagen empfehlen, die nach Abzug der Inflation einen realen Vermögensverlust bedeuten?

In der Tat sollten Anleger und Sparer aktuell froh sein, wenn sie ihr Vermögen mindestens erhalten. Es geht um Renditen, die mindestens der Inflationsrate von aktuell rund 1,5 Prozent entsprechen. Den Dax schlagen, Super-Renditen von 20 und mehr Prozent – das wird nie gelingen. Zocker, die in kurzer Zeit Riesensummen verdient haben, sollte man sich nicht zum Vorbild nehmen. Auch ich habe da meine negativen Erfahrungen gemacht.

8,5 Prozent – da wäre es doch an der Zeit, Gewinne mit Ihren Aktien mitzunehmen?

Die Aktien liegen im Depot, um dort langfristig liegen zu bleiben. Die sind solide und ich bin erst 46. Ich habe noch ein bisschen Zeit für meine Altersvorsorge.

Das Gespräch führte Henrik Mortsiefer

DIE BÖRSIANERIN

Christine Bortenlänger (46) ist seit September 2012 geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI). Die promovierte Betriebswirtin war zuvor zwei Jahre lang

Vorstand der Bayerischen Börse AG in München, wo sie seit 1998 tätig war.

Bortenlänger sitzt im Aufsichtsrat der Ergo Versicherungsgruppe, des TÜV Süd und von SGL Carbon. Sie ist verheiratet und hat drei

Kinder.

DAS INSTITUT

Das 1953 gegründete Deutsche Aktieninstitut vertritt die Interessen des Finanzplatzes Deutschland. Die rund 200 Mitglieder des DAI sind börsennotierte Aktiengesellschaften, Banken, Börsen, Investoren und andere wichtige Marktteilnehmer.

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