Wirtschaft : Aktienkultur: Zu jung für die Börsen-Baisse

Henrik Mortsiefer

Die Bundesregierung macht sich Sorgen um die Aktienkultur in Deutschland. Vor allem die Analysten, die jungen Stars der Wachstumsbörse, bereiten Wirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) und seiner Staatssekretärin Margarete Wolf (Grüne) Kopfzerbrechen. Mit den Kursen brach am Neuen Markt auch das Vertrauen in die Seriosität und Substanz der Tippgeber ein. Die verdächtige Nähe der Analysten zu ihren Arbeitgebern, den Banken, die am Börsengeschäft kräftig verdienen, weckt den Verdacht, dass es mit der Unabhängigkeit der Experten so weit nicht her sein kann.

Um in Zukunft Kleinanleger vor unseriö-sen oder gar kriminellen Empfehlungen zu schützen und das Image des Neuen Marktes zu retten, wird deshalb in Berlin ein Verhaltenskodex, eine Art "Ethik-Katalog" für Analysten, vorbereitet. Am vergangenen Freitag trafen sich zum ersten Mal die Teilnehmer einer Expertenrunde im Ministerium, die ein - wie Müller betont - "freiwilliges Qualitätssicherungssystem" für den Berufsstand erarbeiten soll. Am Tisch des Ministers vertreten waren nach Angaben eines Sprechers die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel (BAWe), die Deutsche Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Managment (DVFA) sowie Professor Wolfgang Gerke, Mitglied des Börsensachverständigenrates und Inhaber des Lehrstuhls für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg.

In diesem "ersten von mehreren Informationsgesprächen" wurden die Fronten abgesteckt: Banken und DVFA lehnen mit Verweis auf bestehende Standesregeln zusätzliche Auflagen für Analysten ab, Anlegerschützer halten schärfere Kontrollen und neue Sanktionen für nötig. Wolfgang Gerke, der die Analysten kritisch beobachtet, äußerte sich im Anschluss an das Gespräch zurückhaltend: "Es ist gut, dass es diese Runde gibt, ihre Intention bleibt freilich bescheiden", so Gerke gegenüber dem Tagesspiegel. Ein Analysten-Kodex könne nur ein Aspekt des neuen Finanzmarktförderungsgesetzes sein. "Aber es gibt Chancen, dass wir einen Katalog von Sanktionen zusammenstellen, der es Analysten unmöglich macht, dubiose Geschäfte zu machen", sagte Gerke.

Diesen Katalog gibt es nach Meinung des Berufsverbandes DVFA längst. Dort sei zum Beispiel klar geregelt, dass Insidergeschäfte und Eigenhandel - also der Versuch eines Analysten, Wertpapiere zum Kauf zu empfehlen, die er selber zuvor gekauft hat - verboten sind. Analysten, die dagegen verstoßen, drohen der Ausschluss aus dem Verband oder empfindliche Geldstrafen. Ein Ehrengericht wacht seit August 2000 über die Arbeitsabläufe. Angerufen wurde die Schiedsstelle allerdings bisher noch nicht.

Zweifel am Sinn solcher freiwilligen Selbstkontrollen hegt die DSW. Die Erfahrung zeige, so Sprecherin Petra Krüll, dass solche Selbstverpflichtungen meistens nicht greifen. Zwar müsse nicht gleich der Gesetzgeber einspringen, die geltenden Standesregeln, insbesondere deren Überwachung, müssten aber dringend nachgebessert werden. Auf Kritik der Anlegerschützer stößt auch die zu enge Verbindung zwischen Analysten und Banken. Hier seien Interessenkonflikte an der Tagesordnung, wenn ein Institut ein Unternehmen an die Börse bringe, seine angestellten Analysten aber weiter Marktstudien über den Börsenneuling erstellen lasse. Die Banken verweisen in diesem Zusammenhang auf interne Kontrollen und die Trennung der Handelsabteilungen von anderen Geschäftsbereichen. "Chinesische Mauern" mit Zugangsbeschränkungen riegelten sensible Ressorts von der Außenwelt ab. Große Banken überwachen die Wertpapiergeschäfte in eigenen Compliance-Abteilungen, bei denen Mitarbeiter der Investment-Abteilung Genehmigungen für eigene Aktiendeals einholen müssen.

Am runden Tisch des Wirtschaftsmini-sters dürfte an diesem dreistufigen Kon-trollsystem - Behörden, DVFA-Standesregeln und Compliance - nicht gerüttelt werden. Für Zündstoff sorgt vielmehr der Vorschlag, gesetzliche Zugangsbeschränkungen für den Berufsstand der Analysten einzuführen. Bisher existiert nur eine berufsständi-sche Ausbildung, die seit 1993 gut 1000 Teilnehmer mit einem DVFA-Zertifikat abgeschlossen haben. Aber auch wer kein Zeugnis von der DVFA erhält, darf sich "Analyst" nennen. Etliche selbst ernannte Experten tummeln sich auf diesem "grauen Analystenmarkt" der Börsenbriefe und Internet-Chats. Börsensachverständiger Gerke fordert deshalb strengere Auflagen auch für "Analysten, die nicht an Banken oder große Institutionen angebunden sind" - auch in den Medien. Parallel zum Expertengespräch wird im Wirtschaftsministerium daran gedacht, dem Vorbild der Ärzte und Rechtsanwälte zu folgen, und das Regelwerk der Freien Berufe auf Analysten zu übertragen.

Auch die DSW räumt ein, dass die Schuld am Vertrauensverlust nicht allein bei den Analysten zu suchen ist. Die, so heißt es, seien "Opfer ihres eigenen Erfolges" - zu jung, um Erfahrungen mit einer Börsen-Baisse gesammelt zu haben, zu gefragt, um dem Medienrummel widerstehen zu können. "Letztlich", gibt DSW-Sprecherin Petra Krüll zu bedenken, "entscheidet immer der Anleger."

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