Wirtschaft : Aktienkurs stürzt ab

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Der Titel verliert anfänglich fast zehn Prozent und reißt den Dax in die Tiefe - Bundesaufsichtsamt prüft möglichen Insiderhandelkoe/shf/fs/chs

Der Walldorfer Softwarekonzern SAP hat am Mittwoch die eigenen Prognosen für das Geschäftsjahr 1999 nach unten revidiert. Nach einer ersten Durchsicht der Zahlen für das dritte Quartal erwartet der Vorstand für das Gesamtjahr nun ein Umsatzwachstum von 15 bis 20 Prozent. Ursprünglich war SAP von einem Plus in Höhe von 20 bis 25 Prozent ausgegangen. An den Börsen gab die Aktie zeitweise um bis zu neun Prozent nach. Im elektronischen Handelssystem Xetra schloss sie bei 411 Euro, über sechs Prozent unter dem Vortagsschluss von 437,50 Euro.

Auch der erwartete Renditezuwachs vor Ertragssteuern von rund einem Prozent werde wohl nicht erreicht. "In Abhängigkeit von der Entwicklung des Softwareumsatzes im vierten Quartal rechnet der Vorstand nun mit einer geringeren Rendite vor Ertragssteuern als im Vorjahr (21,6 Prozent)", heißt es in der Ad-hoc-Mitteilung. Das Wachstum beim Vorsteuerertrag wird also deutlich hinter dem Umsatzplus zurückbleiben. Die Vorzugsaktie des Unternehmens gab darauf um gut fünf Prozent auf 413,50 Euro nach.

SAP hatte bereits zur Jahreshälfte recht schwache Zahlen präsentiert. Zwar waren die Umsätze des weltweiten Branchenführers für Standard-Unternehmenssoftware in den ersten sechs Monaten um 17 Prozent auf 2,34 Milliarden Euro gestiegen, das Geschäftsergebnis war aber mit 397 Millionen Euro um sieben Prozent hinter dem Vorjahreswert zurückgeblieben. Dennoch hatte Henning Kagermann, neben Hasso Plattner SAP-Vorstandssprecher, an den ursprünglichen Wachstumserwartungen festgehalten. Man werde die Ertragsdelle der ersten sechs Monate in der zweiten Jahreshälfte ausgleichen können.

Dieser Optimismus war offensichtlich verfrüht. Im dritten Quartal legte der Umsatz nach Angaben von SAP lediglich um sieben Prozent zu. Allerdings sei die "Auftragspipeline für das vierte Quartal unverändert stark", und das neue Internetprodukt "Mysap" stoße zunehmend auf positive Resonanz. Darüber hinaus gibt man sich in Walldorf aber zugeknöpft. Man habe sofort nach Durchsicht der ersten Zahlen eine Tendenz publiziert, Details sollen auf einer Pressekonferenz am 20. Oktober in München erläutert werden.

Die derzeitige Wachstumsdelle von SAP hat offenbar mehrere Gründe. Zum einen kämpft die gesamte ERP-Branche (Enterprise Resource Planning) mit einer schwachen Nachfrage. Die Probleme vieler Computerprogramme mit der Jahr-2000-Umstellung führen dazu, dass viele Unternehmen ihre Investitionen auf Eis gelegt haben. Sie konzentrieren sich darauf, ihre EDV auf den Jahrtausendwechsel vorzubereiten. Zum anderen ist SAP spät auf den Internet-Zug aufgesprungen. Die Walldorfer präsentierten ihre Internetprogramme Mysap erst Mitte September in den USA. Viele Konkurrenten waren schneller. Vom Erfolg der neuen Produkte hängt aber die Zukunft von SAP ab.

Die Analysten zeigten sich von der Gewinnwarnung des Konzerns nicht sonderlich überrascht. Unterschiedlicher Auffassung waren sie aber, wie der Aktienkurs sich weiter entwickeln wird. Jochen Klusmann, Analyst bei der Bank Julius Bär, empfiehlt den Anlegern beispielsweise, die Aktie des Softwareherstellers zu kaufen. Die schlimmsten Auswirkungen des Jahr-2000-Problems seien weitgehend überwunden. Vor genau einem Jahr kostete die SAP-Vorzugsaktie knapp 366 Euro, legte dann aber wieder stark zu.Das rasante Auf und Ab des deutschen Software-Titels in den vergangenen beiden Jahren, so Klusmann, sei eine "mehr oder weniger normale Geschichte". Denn: "SAP ist kein Witwen- und Waisenpapier."
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