Wirtschaft : Aktienmärkte nehmen den erwarteten Konjunkturaufschwung vorweg

som/HB

Das Vertrauen der Konsumenten ist zerstört, die Konjunkturdaten signalisieren Rezession. Doch so düster die Lage für die Unternehmen auch sein mag - für die Börse sieht es gar nicht so schlecht aus. Denn die Aktienmärkte blicken in die Zukunft und deshalb auf Frühindikatoren. Und die lassen zumindest für die USA hoffen.

Zuletzt sprangen gleich mehrere Einkaufsmanager-Indizes nach oben. Immer mehr Konzernmanager beurteilen die mittelfristige Zukunft ihrer Unternehmen und Branchen optimistischer als im September und im Oktober. Auch die Bauausgaben und Auftragseingänge vieler US-Firmen signalisieren ein mögliches Ende der Talfahrt. Anleger stehen deshalb vor der Ausgangsposition "Rezession ja, aber es gibt Hoffnung für einen Aufschwung im nächsten Jahr." "Die Börse schaut nach vorne", sagt Peter Merk, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg. Ein Blick auf vergangene Rezessionen wie 1982 und 1991 hilft, die jüngste Rallye an den Börsen einzuordnen und zugleich die Branchenfavoriten von morgen auszumachen. Der Aufschwung an den Börsen startete immer vier bis sechs Monate, bevor der Wirtschaftsabschwung den Tiefpunkt erreichte. Skeptiker warnten in der Erholungsphase stets vor einer so genannten Liquiditätsblase, weil die Rallye nicht von steigenden Firmenerträgen, sondern von den Barreserven der Investoren verursacht wurde. Bewertungskennziffern wie das Kurs-GewinnVerhältnis (KGV - Kurs geteilt durch Gewinn) stiegen dramatisch. Denn die Kurse klettern, während gleichzeitig die Gewinne zunächst weiter sinken. Erst später fällt das KGV wieder zurück, wenn die Firmenerträge kräftig zulegen.

"Wie damals wird die Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückkehren", sagt Achim Matzke von Commerzbank Securities. Der Charttechniker sieht die Baisse bereits seit Wochen als beendet an. Ihn beeindrucken die charttechnischen Kaufsignale vieler Börsenschwergewichte. Kurz bevor die Konjunktur den Tiefpunkt erreicht, gehören ertragsstabile Unternehmen aus den Branchen Pharma, Nahrung und Energie nicht mehr zu den Favoriten der Investoren. Aktien aus diesen Segmenten haben in den jüngsten Monaten hohe Bewertungen erreicht, weil Anleger sie als "sicheren Hafen" ansteuerten. Ein deutliches Zeichen für eine Überbewertung in diesen defensiven Branchen ist, wenn das KGV auf Basis des nächsten Jahres doppelt so hoch wie das jährliche prozentuale Gewinnwachstum ist.

Investmenthäuser setzen derzeit lieber auf Unternehmen, die stark von der Entwicklung der Konjunktur abhängig sind: so genannte Zykliker. Zu ihnen gehören die Bereiche Technologie, Industrie, Chemie, Auto und Einzelhandel. Hier sind die typischen Frühstarter an der Börse zu finden. Morgan Stanley empfiehlt Anlegern deshalb Aktien aus den Bereichen Werbung, Finanzdienstleister und Informationstechnologie. Schroders setzt auf Finanzdienstleister, zyklische Industrie- und Konsumwerte, aber auch auf ausgewählte Pharmawerte wie Abbot in den USA. "Noch lassen sich auch in dieser defensiven Branche einzelne Werte finden, die nicht zu hoch bewertet sind", meint Fondsexpertin Edda Schröder.

Doch so einfach sich die "Frühstarter"-Branchen ermitteln lassen, die als erstes von einer Erholung der Konjunktur profitieren, so schwierig ist das Timing - also Wahl des richtigen Zeitpunktes zum Einstieg. Denn das Risiko besteht nach Ansicht des Aktienstrategen Volker Borghoff von HSBC Trinkaus darin, dass viele Werte der genannten Branchen bereits stark gestiegen sind. Große Technologietitel wie Nokia und Cisco haben sich in den vergangenen Wochen verdoppelt. Selbst eher konservative Zykliker wie Daimler-Chrysler legten seit Beginn der Börsenrallye am 21. September 60 Prozent zu.

"Kurzfristig setzen wir auf Technologie-Aktien. Siemens wird stark vom Aufschwung im nächsten Jahr profitieren", sagt Borghoff. Reihenweise haben Investmenthäuser in den vergangenen Tagen die Siemens-Aktie heraufgestuft und ihre Kursziele angehoben. Mittelfristig bevorzugt der HSBC-Experte den Maschinenbau. "Dieses Segment ist während der jüngsten Technologie-Rallye zurückgeblieben. Anleger sollten sich auf noch unentdeckte Werte aus der zweiten Reihe konzentrieren", sagt er, "dazu zählen Babcock und IWKA." Neben der Konjunktur spreche auch die Möglichkeit, ab 2002 Beteiligungen steuerfrei zu verkaufen, für diese Werte.

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