Wirtschaft : Aktienmarkt: "Dumme Anleger kann man an der Nase herumführen"

Wolfgang Gerke (57) lehrt Bank-,Börsenwes

Wolfgang Gerke (57) lehrt Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Er ist Forschungsprofessor am Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim. Gerke ist Mitglied des Börsensachverständigenrates, der einen Ehrenkodex für Analysten und Finanzjournalisten erstellt.

Herr Gerke, wie stehen Ihre Aktien?

Ich bin in Erwartung des Crashs am Neuen Markt frühzeitig ausgestiegen. Leider zu früh. Und später bin ich wieder zu früh eingestiegen, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass es so weit nach unten geht.

Viele Anleger haben alles verloren, auch die Investmentfonds ziehen sich zurück. Einige Unternehmen denken an Abwanderung. Ist der Neue Markt tot?

Mir schreiben viele enttäuschte Anleger, die furchtbar gebeutelt wurden. Dennoch ist der Neue Markt mit Sicherheit nicht tot. Aber wir müssen jetzt alles dafür tun, dass er wieder in ein geregeltes Fahrwasser zurück findet. Der Neue Markt ist in der Öffentlichkeit völlig falsch verkauft worden, vor allem von Analysten und Emissionsbanken.

Welche Darstellung trifft denn Ihrer Meinung nach zu?

Der Neue Markt ist ein Handelsplatz für innovatives Risikokapital, und die Ausfallquote ist hier naturgemäß sehr hoch. Dafür gibt es in diesem Segment Unternehmen, die besonders hohe Renditen erwirtschaften. Das ist in der Vergangenheit nicht ausreichend erklärt und von den Anlegern verstanden worden. Entsprechend ungemütlich ist jetzt das Erwachen.

Die Deutsche Börse versucht zu retten, was zu retten ist. Was halten Sie von der Idee, Penny-Stocks, also Aktien unterhalb der Schwelle von einem Euro, vom Kurszettel zu streichen?

Ich glaube nicht, dass sich auf diesem Wege das Image des Neuen Marktes nachhaltig verändern lässt. Es muss mehr geschehen. Ich unterstütze die Eliminierung von Unternehmen, die nur noch auf dem Papier existieren. Aber ich warne davor, zu formal vorzugehen. Man sollte nicht nur auf den Preis schauen. Entscheidend ist die Substanz des Unternehmens.

Also braucht der Neue Markt Ihrer Meinung nach keine strengeren Regeln?

Natürlich kann man am Regularium noch Verbesserungen vornehmen. Wenn man das Regelwerk aber zu eng gestaltet, verstopft man den Markt. Der Neue Markt ist nicht wegen seines Regelwerks gescheitert. Fahrlässige Emissionsbanken, übertrieben optimistische Analysten und die Gier der Anleger haben ihn destabilisiert.

Was werfen Sie den Banken vor?

Die Emissionsbanken haben schnelles Geld verdient, indem sie Unternehmen an die Börse gebracht haben, die nicht reif dafür waren und die betrügerische Business-Pläne präsentierten. Die Tatsache, dass die ersten 70 Unternehmen am Neuen Markt ohne Ausnahme positive Emissionsrenditen erzielt haben, ist nur damit zu erklären, dass die Firmen mit geschönten Geschäftsplänen und zu optimistischen Analysten-Empfehlungen von den Emissionsbanken in den Markt gedrängt wurden.

und die Anleger haben blind gezeichnet ...

Ja. Wer gesehen hat, dass es 70 Mal gut gegangen ist, der hat auch beim 71. Mal blind gezeichnet. Das konnte nicht gut gehen.

Waren die Anleger zu dumm oder sind sie an der Nase herumgeführt worden?

Dumme Anleger kann man besonders gut an der Nase herumführen. Hier kommen zwei Dinge zusammen. Die Anleger haben sich gegenseitig hochgeschaukelt und mit ihrer völlig verrückten Euphorie die Basis für den Crash gelegt. Viele sind vom Sparbuch direkt auf den Neuen Markt umgestiegen und haben viel zu große Teile ihres Vermögens in hoch riskante Papiere angelegt.

Das Risiko können die Banken den Anlegern aber nicht abnehmen.

Sicher nicht. Aber die Emissionsbanken haben dafür zu sorgen, dass zu dem ökonomisch akzeptablen Risiko am Neuen Markt nicht noch zusätzlich das Risiko tritt, betrogen zu werden.

Sind nicht auch die Banken selbst den Verheißungen der Unternehmen auf den Leim gegangen?

In vielen Fällen war das sicher so. Gerade mit Ad-hoc-Mitteilungen ist vorsätzlich Missbrauch getrieben worden. Die Urheber sitzen in den Unternehmen. Sie haben Best-Case-Szenarien entworfen, die mit der Realität später nichts mehr zu tun hatten. Das war auch für die Banken zum Teil schwer zu überprüfen.

Angesichts der zahlreichen Betrugsfälle haben offenbar einige Kontrollinstanzen versagt.

Wir brauchen deshalb mehr Rechte für betrogene Privatanleger und eine besser funktionierende Aufsicht. Aber ich betone nochmals: Wir brauchen insbesondere Emissionsbanken, die intensiver selektieren und die die Risiken einer Emissionen für die Anleger transparenter machen.

Sie arbeiten im Auftrag der Bundesregierung an einem Ehrenkodex für Analysten, der verbindliche, aber freiwillige Verhaltensregeln definieren soll. Reicht freiwillige Selbstkontrolle, oder muss der Gesetzgeber einschreiten?

Ein Verhaltenskodex kann nur eine ergänzende, Vertrauen bildende Maßnahme sein. Ich plädiere darüber hinaus ganz entschieden dafür, dass der Gesetzgeber aktiv wird. Ich fordere eine zentralisierte Handelsaufsicht, mehr Befugnisse für das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel - zum Beispiel beim Verhängen von Bußgeldern - und zentrale Wirtschafts-Staatsanwaltschaften und -Gerichte. Vieles, was heute direkt vor die Gerichte gehört, wird auf langen Verfahrenswegen verschleppt. Klagen privater Anleger gegen Vorstände müssen spürbar erleichtert werden, möglicherweise auch im Rahmen von Sammelklagen.

Eine Entscheidung in dieser Sache hat die Bundesregierung soeben in die nächste Legislaturperiode verschoben...

Ich warne davor, dass so wichtige Dinge wie die Verbesserung der Aufsicht und des Anlegerschutzes in Deutschland auf die lange Bank geschoben werden. Angesichts der negativen Erfahrungen am Neuen Markt - etwa beim Missbrauch von Ad-hoc-Mitteilungen oder der Verletzung von Haltefristen für Aktien von Vorständen - besteht dringender Handlungsbedarf. Wir tun uns alle keinen Gefallen, wenn wir zu lange auf Gesetzesänderungen warten und in der Zwischenzeit der Markt darunter leidet.

Was ließe sich denn kurzfristig verbessern?

Mit gutem Willen aller Beteiligten ließe sich das, was ich fordere, im 4. Finanzmarktförderungsgesetz umsetzen. Dann könnte noch in diesem Jahr in Deutschland ein sehr guter Anlegerschutz erreicht werden. Die Märkte verändern sich so schnell, dass wir lernen müssen, auch bei der Veränderung der Rahmenbedingungen schneller zu reagieren.

Aus deutschen Großbanken ist - anders als in den USA - bisher kein Plädoyer für eine effizientere Aufsicht und eine strengere Trennung von Investmentgeschäft und Research zu vernehmen.

Die amerikanischen Banken und die US-Handelsaufsicht sind da weiter, weil auch der Missbrauch an den dortigen Märkten weiter getrieben wurde als hier zu Lande. Das nimmt nicht die deutschen Banken in Schutz. Schon manche "Chinese Wall", die die Analysten von den Investmentbankern im eigenen Haus trennen sollte, ist beim gemeinsamen Lunch beim Chinesen gefallen. Aber: Die Schweinereien, die an den US-Börsen zum Teil laufen - zum Beispiel bei Gegengeschäften zwischen Investmentfonds und Emissionsbanken - sind in ihrer Dimension mit den Ereignissen bei uns kaum zu vergleichen.

Ein schwacher Trost für einen deutschen Anleger, der am Neuen Markt alles verloren hat.

Sicherlich. Aber man muss auch einmal festhalten, dass viele Anleger ihr Geld nicht wegen Betrugs verloren haben, sondern weil sie die Grundsätze einer soliden Streuung ihres Vermögens vernachlässigten.

Wagen Sie einen Ausblick: Wird der Neue Markt überleben?

Als Optimist glaube ich, dass wir künftig einen anderen Neuen Markt haben werden, der seiner ursprünglichen Funktion als Finanzierungsinstrument für Innovatoren gerecht wird. Aber als skeptischer Mensch füge ich hinzu, dass dies nicht auf einen Schlag passieren, sondern ein bis zwei Jahre dauern wird.

Abwanderungsbewegungen und neue Pleiten deuten in eine andere Richtung: Blutet der Markt nicht langsam aus?

Nein, denn der Neue Markt wird auch wieder frisches Blut aufnehmen. Die Erfahrung an der US-Technologiebörse Nasdaq zeigt, dass in einem ungünstigen Jahr bis zu zehn Prozent der gelisteten Unternehmen wieder veschwinden können. Das haben die Anleger in Deutschland bislang kaum zur Kenntnis genommen. Sie verbinden die Nasdaq nur mit Microsoft. Man hat so getan, als wäre der Markt ein Segment für Standardwerte, an dem es keine Ausfälle geben kann. Ich gehe davon aus, dass pro Jahr bis zu fünf Prozent der Neue-Markt-Firmen wieder verschwinden.

Das wären bei gut 340 gelisteten Werten fast 20 Unternehmen jährlich.

Damit könnten wir leben, wenn den Flops erfolgreiche und solide Unternehmen gegenüberstehen.

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