Aktienmarkt : Italienische Scheidung bei Fiat

Fiat teilt sich auf und besteht nun aus zwei börsennotierten Gesellschaften. Doch es gibt Zoff mit der Gewerkschaft.

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Beifall klatscht Fiat-Chef Sergio Marchionne am Montag zum Handelsauftakt an der Mailänder Börse.
Beifall klatscht Fiat-Chef Sergio Marchionne am Montag zum Handelsauftakt an der Mailänder Börse.Foto: dpa

Debüt an der Mailänder Börse: Der Aktienmarkt, der 2010 die stärksten Rückgänge in Europa zu verzeichnen hatte, freute sich zum Handelsauftakt im neuen Jahr über die Aufspaltung des Fiat-Konzerns. Um das Autogeschäft vom Ballast der Nutzfahrzeuge zu „befreien“ und beiden Sparten eine „eigenständige, bewegliche Entwicklung“ zu ermöglichen, tritt die Turiner Gruppe seit Jahresbeginn offiziell in zwei Teilen auf: In der „Fiat Aktiengesellschaft“ verbleiben die Personenwagen der Marken Fiat, Lancia, Alfa Romeo, Maserati und Ferrari, sowie einige hauseigene Zulieferfirmen. „Fiat Industrial“ vereinigt die Lastwagen von Iveco, die Land- und Baumaschinen von Case New Holland (CNH), sowie die Fertigung von Schwer- und Schiffsmotoren.

Schon seit Fiat-Chef Sergio Marchionne im April vergangenen Jahres die Spaltung angekündigt hatte, war der Aktienkurs stetig gestiegen; zum Jahresschluss lag er bei 15,43 Euro und damit knapp 50 Prozent höher als im Januar 2010. Damit flog Fiat – auch wenn es mit dem konkreten Verkauf von Autos tendenziell abwärts ging – steiler in die Höhe als alle anderen Autofirmen Europas. Mit einer Ausnahme: Die BMW-Aktie legte im vergangenen Jahr 86 Prozent zu.

Die beiden neuen Aktien aus Turin – die von „Fiat Spa“ und „Fiat Industrial“ – kamen an ihrem ersten Handelstag gestern auf zusammen knapp 16 Euro. Sie lagen damit am oberen Rand der Analystenerwartungen.

Um den Markt weiter zu beflügeln, stellte Marchionne vor der Mailänder Börse die mehrheitliche Übernahme des Chrysler-Konzerns schon für dieses Jahr als möglich dar. 2009 hatten die Italiener den amerikanischen Konzern vor der Pleite gerettet; die 20 Prozent, die Fiat derzeit an Chrysler hält, sollten 2011 eigentlich nur auf 35 Prozent aufgestockt werden. Marchionne hält es jedoch für nicht ausgeschlossen, die staatlichen Zuschüsse der USA bereits vor dem vereinbarten Zieldatum 2013 zurückzahlen zu können und damit die Hauptbedingung für die Übernahme von insgesamt 51 Prozent der Chrysler-Anteile zu erfüllen.

Zusammen mit Chrysler und auf zahlreichen neuen, gemeinsamen Plattformen, will Fiat ab 2014 pro Jahr sechs Millionen Autos fertigen; das ist die Zahl, die Marchionne als „Existenzschwelle“ für die Zukunft von Autokonzernen betrachtet. Analysten sind derzeit in ihrer Mehrheit eher skeptisch, ob Fiat und Chrysler das Ziel zu zweit erreichen können, oder ob der Pakt nicht noch erweitert wird.

Seit Monaten kursieren Gerüchte über die Zukunft einzelner Konzernsparten: So interessiert sich Volkswagen anscheinend heftig für Alfa Romeo; Fiat scheint derzeit aber nicht verkaufswillig. Daimler hingegen, so heißt es, habe ein Auge auf die neue „Fiat Industrial“ oder zumindest deren profitable Lastwagensparte geworfen. Nach den Weihnachtsferien muss Marchionne zuerst aber die rebellischen linken Gewerkschaften Italiens befrieden: Mitte Januar sollen die Beschäftigten des Turiner Stammwerks Mirafiori über den neuen Haustarif abstimmen. Die Fiom als größte Einzelgewerkschaft der Metallindustrie will gegen eine Unterschrift kämpfen.

Was die Gewerkschafter vor allem stört, ist die Disziplin, die Marchionne für einen störungsfreien Betrieb verlangt. Wenn der Krankenstand oder die Fehlzeiten in den Fiat-Werken – insbesondere nach Spielen der örtlichen Fußballmannschaften sowie vor und nach Feiertagen – so überdurchschnittlich hoch bleiben wie jetzt, will Fiat den auffälligsten Arbeitern das Krankengeld kürzen. Das, so sagt die Gewerkschaft, geht gegen die Rechte der Beschäftigten: „Ob einer krank ist oder nicht, das entscheidet der Arzt, nicht der Schichtführer.“

Zweitens sollen sich die Gewerkschaften dafür verbürgen, dass die Friedenspflicht künftig auch von ihren einzelnen Mitgliedern eingehalten wird und die beliebten „wilden“ Streiks unterbleiben. Das empfinden die linken Gewerkschaften als unerträgliche Freiheitsberaubung; sie berufen sich auf die italienische Justiz, der zufolge das Streikrecht ein Recht des einzelnen Arbeitnehmers ist und nicht – wie in Deutschland – nur den Gewerkschaften zukommt.

Zugunsten der Arbeitsdisziplin geht Marchionne den Gewerkschaften sogar ans Geld: „Wilde“ Produktionsstörungen will er damit ahnden, dass Fiat die Gewerkschaftsbeiträge der einzelnen Arbeitnehmer nicht mehr mit der monatlichen Gehaltsabrechnung einzieht.

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