Aktienmarkt : Kabel Deutschland macht den Eisbrecher Lesezeichen

Die Börsianer atmen auf: In Frankfurt ist der größte Börsengang seit 2007 geglückt. Kabel Deutschland soll nur der Anfang sein.

von
328869_3_xio-fcmsimage-20100321223914-006000-4ba69202c5734.heprodimagesfotos84120100322kabel.jpg
Auf dem Weg. Der Eigentümer von Kabel Deutschland, der Finanzinvestor Providence, will 760 Millionen Euro einnehmen. Foto: dpadpa

Berlin - Frühling an der Börse: Wenn alles gut geht, könnte an diesem Montag ein Eisbrecher auf dem Frankfurter Aktienmarkt unterwegs sein. So nennen Kapitalmarktexperten Unternehmen, die mit einem großen Börsengang den Weg frei machen für andere, auch kleinere Kandidaten, die sich am Kapitalmarkt Geld beschaffen wollen. Nach fast drei Jahren Stillstand an der deutschen Börse soll Kabel Deutschland (KDG), Deutschlands größter Kabelnetzbetreiber, so ein Eisbrecher sein. Zuletzt hatte Anfang November 2007 der Hamburger Hafenbetreiber HHLA beim Gang an die Börse 1,17 Milliarden Euro eingenommen. Für 22 Euro platziert an diesem Montag der KDG-Eigentümer – der Finanzinvestor Providence – Aktien des Unternehmens. Auf zwei Milliarden Euro Börsenwert kommt die Gesellschaft damit, rund 760 Millionen Euro soll der IPO (Initial Public Offering = Neuemission) in die Kassen spülen. Wenn alles gut geht.

Stürzen die Aktien nach der Emission ab und verschlechtert sich das gute Klima am Finanzmarkt wieder, werden die Hoffnungen der drei Kandidaten, die noch vor Ostern an die Börsen wollen, enttäuscht. Das Modeunternehmen Tom Tailor plant seinen IPO für den 26. März, der Chemikalienhändler Brenntag (29. März) und der chinesische Armaturenhersteller Joyou mit Deutschlandsitz in Hamburg (30. März) stehen bereit. Die Erwartungen an Kabel Deutschland sind also enorm.

„Ich denke, dass der Markt reif ist“, sagt Andreas John, der bei der DZ Bank für das Aktienemissionsgeschäft zuständig ist. „Genug Liquidität ist da.“ Gelinge KDG und seinen Nachfolgern der Markteintritt, seien 2010 bis zu 20 Börsengänge in Deutschland möglich, schätzt John. „Einen großen Run wird es aber wohl nicht geben“, dämpft er die Hoffnungen. Einen Börsenboom wie in den 1990er Jahren, als der Neue Markt explodierte und unterging oder die „Volksaktien“ von Telekom, Post oder Infineon Kleinanleger anlockten, sieht niemand.

Das liegt auch daran, dass heute andere Eigentümer und Investoren die Szene dominieren. „Das Geschäft ist differenzierter geworden“, sagt Christoph Gruss, IPO-Experte bei Pricewaterhouse-Coopers. „Die meisten Börsenkandidaten gehören Private-Equity-Firmen, die für ihren Ausstieg mehrere Optionen haben: den Börsengang, aber auch den Verkauf an andere Beteiligungsfirmen oder strategische Investoren.“ So gingen auch die KDG-Aktien an 30 bis 40 Großinvestoren vor allem aus den USA und Großbritannien. Versicherungen, Fonds, Banken, Pensionsgesellschaften gehören zu den Käufern. „Die Institutionellen steigen ein“, sagt DZ-Banker John. Privatanleger seien eindeutig in der Minderheit, Kleinanleger fehlten meist ganz.

„Die kleinen Aktiensparer haben ihre Schlüsse aus den Erfahrungen des Neuen Marktes gezogen“, sagt Franz-Josef Leven vom Deutschen Aktieninstitut. Der totale Rückzug sei allerdings eine übertriebene Reaktion, weil viele solide Firmen mit guten Wachstumschancen an die Börse gegangen seien. Leven glaubt, dass der Aktienmarkt 2010 aus dem „Tal der Krise“ kommt. „Es gibt großen Nachholbedarf.“

Ob davon der Marktplatz Deutschland profitiert, ist allerdings zweifelhaft. Während es 2009 hierzulande nur einen einzigen Börsengang im streng regulierten Prime Standard (Geregelter Markt) gab (siehe Grafik), erlebten vor allem die Schwellenländer einen Ansturm auf die Kapitalmärkte. Vor allem in China drängen immer mehr Unternehmen an die Börse. Europäische Aktienmärkte verlieren kontinuierlich an Bedeutung. Nach einer Übersicht von Ernst & Young lag der Anteil Europas am weltweiten IPO- Markt 2007 noch bei 26 Prozent, im vergangenen Jahr rutschte er auf zehn Prozent ab. Auch die weltgrößte Börse, die New Yorker Wall Street, büßt ein: „Der einst überlegene US-Aktienmarkt verliert seine Dominanz“, sagt Christoph Gruss. Der IPO-Markt sei breiter geworden, der Wettbewerb schärfer. „2009 war zum Beispiel die polnische Börse in Europa besonders attraktiv für Börsengänge. Hier baut sich neue Konkurrenz für den deutschen Finanzmarkt auf.“

Umso größer ist der Druck, der an diesem Montag auch auf der Deutschen Börse AG lastet. Kommt das IPO-Geschäft wieder in Gang, könnte es auch mit der Aktie des Börsenbetreibers bergauf gehen. Seit dem IPO des Hamburger Hafens Ende 2007 hat das Papier rund zwei Drittel seines Werts verloren.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben