Wirtschaft : Aktienstratege Giese im Interview: "Zyklische Aktien sind deutlich unterbewertet"

Herr Giese[kommt der deutsche Aktienmarkt jetzt e]

Jürgen Giese ist Chefstratege für Aktien bei der Frankfurter Privatbank Hauck & Aufhäuser. Mit ihm sprach Bernd Frank.



Herr Giese, kommt der deutsche Aktienmarkt jetzt endlich aus der Sommerflaute?

Ich glaube nicht, die Flaute wird noch eine Weile anhalten. Die Anleger sind immer noch verunsichert.

Woher kommt die Verunsicherung?

Man erkennt noch nicht genau, wo sich das positive Konjunkturumfeld in steigenden Unternehmensgewinnen niederschlägt. Viele Anleger sind noch skeptisch.

Aber es gab doch teilweise gute Nachrichten.

Ja, jedoch ist die Stimmung im Moment so, dass positive Nachrichten kaum aufgenommen werden, während negative Nachrichten regelrecht aufgesogen werden. So hat die Börse die glänzenden Halbjahreszahlen der Deutschen Bank oder von Bayer überhaupt nicht honoriert. Dagegen wurde beispielsweise der etwas gedämpfte Ausblick bei Nokia sofort mit einem drastischen Kursrutsch quittiert.

Was könnte dem Markt wieder nach oben helfen?

Neben deutlichen Gewinnsteigerungen bei den Unternehmen braucht der Markt positive Vorgaben aus den USA. Beispielsweise ist die Abhängigkeit des Neuen Marktes von der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq unverkennbar. Wenn sich zudem die Meinung durchsetzt, dass der Konjunkturaufschwung in Europa dauerhaft ist, dann wird das die Aktienkurse beflügeln. Was mich allerdings schon seit einiger Zeit sehr wundert, ist, dass zyklische Aktien zum Beispiel aus der Chemie und dem Maschinenbau überhaupt nicht auf die Konjunkturbesserung angesprungen sind. Sie werden vom Anleger links liegengelassen. Werte wie Bayer oder Linde sind eindeutig unterbewertet.

Ist die Abwärtskorrektur bei den Technologiewerten jetzt ausgestanden?

Ich glaube nicht, dass der Markt schon einen Boden gefunden hat, von dem es wieder aufwärts gehen kann. Am Neuen Markt dürfte die große Nervosität noch zwei bis drei Monate anhalten, die starken Kursschwankungen könnten sich sogar noch verstärken. Ob ein Unternehmen nach klassischen Gesichtspunkten richtig bewertet ist, lässt sich bei Neue-Markt-Aktien nicht genau einschätzen, zumal viele noch in Verlustzonen arbeiten.

Also keine Hoffnung für die Anleger?

Doch. Zum Jahresende hin schaut man schon wieder ins nächste Jahr, die guten Gewinnaussichten der Unternehmen werden dann die Börse nach oben ziehen. Wir erwarten den Dax zum Jahresende bei 7800 Punkten, auch am Neuen Markt dürfte es dann wieder aufwärts gehen.

Wo sehen Sie die besten Chancen?

Zum einen bei Finanztiteln, sie sind Profiteure des Konjunkturaufschwungs. Zum zweiten bei größeren Technologieaktien, die sich bereits am Markt etabliert haben und Gewinne zeigen: Werte wie Nokia, Siemens, Infineon, SAP. Zum dritten sollten Anleger den Pharmabereich beachten: die großen Titel Novartis, Aventis, Glaxo Wellcome.

Ein anderes Thema an den Märkten ist der Euro. Wie erklären Sie sich die Schwäche?

Die USA haben in den vergangenen Wochen wieder robuste Konjunkturzahlen geliefert. Solange das Wirtschaftsumfeld dort positiv ist, bleibt der Dollar stark. Der Euro hat nach wie vor auch ein psychologisches Problem: Er ist immer noch nicht als eine internationale Leitwährung anerkannt, das braucht Zeit. Aber auch er wird profitieren, wenn der Konjunkturaufschwung im Euroraum sich festigt und wirklich alle Länder erfasst.

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