Wirtschaft : Aktionäre und Fußballfans sind gleichermaßen enttäuscht

Thomas Roser

Statt in ihre kurzen Arbeitshosen hatten sich die Jungmillionäre zur Börsenpremiere ihres Arbeitgebers in repräsentativen Zwirn gehüllt. Doch von der zuversichtlichen Feierstimmung, die die Profikicker des niederländischen Rekordmeisters beim Börsengang von Ajax Amsterdam im Mai 1998 zu verbreiten trachteten, ist kaum mehr etwas zu verspüren. Für die Anleger hat sich die Investition in Ajax-Aktien als Flop entpuppt. Dem Verein hat der Gang ans Parkett sportlich bisher weniger gebracht als erhofft, organisatorisch dafür erheblich mehr Arbeit beschert.

Ajax war in Europa einer der ersten Proficlubs außerhalb Großbritanniens, die sich an der Börse notieren ließen. Über die Risiken der Investition in Fußballaktien hatte die den Börsengang begleitende ABN Amro Bank in ihrem Prospekt potentielle Anleger keineswegs im Unklaren gelassen. Die Bank, die seit Jahren der Hauptsponsor des Championsleague-Siegers von 1995 ist, wies vor dem Börsengang ausdrücklich darauf hin, dass Fanausschreitungen, Verletzungen von Schlüsselspielern und eine verpasste Qualifikation zur lukrativen Champions League den Kurs der Aktie "nachteilig" beeinflussen könnten.

Die Warnungen sollten sich bewahrheiten. Während der niederländische AEX-Index in den vergangenen 20 Monaten um 22 Prozent nach oben kletterte, büßte die Ajax-Aktie im gleichen Zeitraum mehr als ein Drittel ihres Ausgabewertes ein, fiel der Kurs von 14,75 auf zuletzt 8,90 Euro. Nicht nur sportlich verkehre Ajax derzeit in einem "tiefen Tal", konstatiert nüchtern das Finanzblatt "FEM": "Auch an der Börse sackt der Club stets weiter ab."

Mit dem Hinweis auf die verschärfte internationale Konkurrenz hatte der als sehr innovativ geltende Verein die Notwendigkeit begründet, sich an der Börse zusätzliches Kapital für die Optimierung seiner Jugendarbeit zu verschaffen. In der heimischen Ehrendivision ist dem Rekordmeister zwar alljährlich ein Platz in der Spitzengruppe garantiert. Doch die Auswirkungen des Bosman-Urteils von 1995 bekommt der Club international stets stärker zu spüren.

Schnell lichteten sich die Reihen der Elf, die 1995 noch den Europapokal der Landesmeister gewann. Ablösefrei wechselten die Spieler mit auslaufenden Verträgen zu der viel finanzkräftigeren Konkurrenz nach Südeuropa, die anderen wurden nach und nach ohne viel Federlesens aus ihren Arbeitskontrakten heraus gekauft: Von allen Spielern des damaligen Erfolgskaders ist Ajax fünf Jahre später nur noch der einstige Ersatztorwart Fred Grim geblieben.

125 Millionen Gulden (112,5 Millionen Mark) brachte Ajax 1998 die Veräußerung von 30 Prozent seiner Anteile ein. Der Großteil der zum Verkauf stehenden Aktien sei von Ajax-Fans erworben worden, berichtet Club-Sprecher Errol Erdogan: "Für sie war besonders die Idee faszinierend, selbst ein Stück des Vereins zu besitzen." Die zusätzlichen Mittel habe Ajax zum Großteil zum Ausbau seines Jugendtrainingskomplex und der Beteiligung an Vereinen in Südafrika, Ghana und Belgien verwendet: "Mit den in Südeuropa und Großbritannien bezahlten Gehältern und Ablösesummen können wir doch nicht mithalten. Darum haben wir beschlossen, unsere Ausbildungsaktivitäten zu internationalisieren und zu intensivieren."

Ob die neuen Tochterclubs der Mutterfirma im fernen Amsterdam künftig tatsächlich die Talente liefert, die sich Ajax erhofft, muss sich noch erweisen. Deutlich ist schon jetzt, dass auch ein Börsengang keineswegs ein Garant für schnellen sportlichen Erfolg ist: Bisher machte die Notierung am Damrak den einst so erfolgreichen "Göttersöhnen" von Ajax keine Beine.

Die seit dem Börsengang getätigten Transfers konnten nur selten die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen. Letztes Jahr verpasste Ajax trotz zahlreicher Neuverpflichtungen die ersehnte Qualifikation zur Champions League, und auch in dieser Saison hat das derzeit auf dem dritten Rang rangierende Team bisher Fans und Anleger enttäuscht.

Für das Geschäftsjahr 98/99 vermeldete Ajax im vergangenen Sommer zwar einen Gewinn von 13 Millionen Gulden. Doch ohne die Verkäufe von Spitzenspielern wie Nationaltorwart Edwin van der Sar, Frank und Ronald de Boer hätte der Club einen Verlust von 22 Millionen Gulden eingefahren. Das Streben, weniger abhängig von Transfererträgen zu werden, scheint illusorisch. Die Amsterdam Arena ist ohnehin nahezu ständig ausverkauft, der Ertrag aus dem Kartenverkauf kaum zu steigern.

Die meisten anderen niederländischen Clubs haben ihre Pläne für einen Börsengang vorläufig erst einmal auf Eis gelegt. Für jeden Verein sei die Abwägung der Vor- und Nachteile einer Börsenotierung eben anders, so Erdogan: "Ob sich der Börsengang letztendlich für uns ausbezahlt hat, wird sich wohl auch erst in einigen Jahren zeigen."

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