Wirtschaft : Alan Greenspan: Ikone der Finanzpolitik

Walter Pfaeffle

Wenn es auf den Märkten aufwärts geht, gilt der Chef der Federal Reserve (Fed) als unfehlbar. Droht eine Rezession, wird er angefeindet. Seit 1987 steuert Alan Greenspan die mächtigste Wirtschaft der Welt - und er hat Glück gehabt. In seiner Amtszeit hat es in den USA nur eine einzige Rezession gegeben, 1990/91. Mindestens dreimal, rechnet der Analyst Larry Hathaway von Warburg Dillon Read vor, habe Greenspan durch mutige Zinssenkungen die Börse vor einem harten Aufschlag bewahrt: nach dem Beinahe-Kollaps des Hedge-Fonds Long-Term Capital Management 1998, während der Mexikokrise 1995 und auf dem Gipfel der Sparkassenkrise 1987.

Das Image des drahtigen Alten, der am Dienstag seinen 75. Geburtstag feiert, hat jedoch in den vergangenen Wochen Kratzer bekommen. Die US-Konjunktur kühlt immer stärker ab. Ist Greenspan verantwortlich für den Abschwung? Kein Zweifel, sagen seine Kritiker, und sie nennen zwei Gründe. Von Juni 1999 bis Mai 2000 hätten Greenspan und seine Kollegen mit Zinserhöhungen eine nicht existierende Inflation bekämpft und bis April 2000 tatenlos zugeschaut, wie Spekulanten mit gepumptem Geld die Technologiebörse Nasdaq emportrieben, anstatt der Hysterie mit schärferen Regeln einen Riegel vorzuschieben. Im Januar hat Greenspan eine neue Zinssenkungsrunde eingeläutet - möglicherweise zu spät, um eine Rezession zu verhindern.

Greenspan denkt nicht daran, sich bei Zinsentscheidungen an theoretische Regeln zu halten. Anders als die Europäische Zentralbank verwarf er die Geldmenge als Indikator, als sich Anfang der 90er Jahre der Zusammenhang mit dem Preisniveau auflöste. Er ignoriert auch die akademische Fausregel, dass die Zinsen angehoben werden müssen, wenn die Arbeitslosenquote unter ein bestimmtes Niveau sinkt. Sein Pragmatismus hat Millionen neuer Jobs entstehen lassen.

Als Greenspan 1987 Paul Volcker ablöste, erlebte der Rentenmarkt am Tage seiner Ernennung den steilsten Einbruch seit 1982. Greenspan galt als unerfahren im Vergleich zu Volcker, den die Finanzmärkte als Inflationsbekämpfer zu schätzen gelernt hatten. Es dauerte aber nicht lange, bis die Märkte volles Vertrauen zu ihn gewonnen hatten. Nach dem Börsencrash am 19. Oktober 1987 - der Dow Jones verlor an diesem Tag mehr als 20 Prozent - gelang es ihm, den Markt durch die Zuführung von Liquidität zu drehen. Es begann eine beispiellose Hausse, die 1990 durch eine kurze Rezession unterbrochen wurde und erst vergangenes Jahr zu Ende ging. Präsident Clinton belohnte Greenspan mit einem weiteren Vierjahresmandat. George W. Bush, dessen Vater Greenspan für seine Niederlage im Wahlkampf 1990 verantwortlich gemacht hatte, weil er die Zinsen nicht senkte, muss bis 2004 mit ihm leben. Danach wird er sich wohl in den Ruhestand zurückziehen.

Greenspan kam am 6. März 1926 in New York zur Welt. Als Schüler begeisterte er sich für Musik und schrieb sich an der berühmten Juilliard School of Music ein, wo er Saxophon, Klarinette und Flöte lernte. Eine Zeitlang ging Greenspan auf Tournee mit der Tanzkapelle Henry Jerome. Einigen Bandmitgliedern half er, ihre Steuererklärungen auszufüllen. 1950 schloss Greenspan an der New York University ein Studium der Volkswirtschaft ab. Die Universität verlieh ihm 1977 den Ehrendoktor. Von 1954 bis 1974 war Greenspan Präsident der Wirtschaftsberatungsfirma Townsend-Greenspan & Co. Danach arbeitete er bis 1977 als Vorsitzender des Wirtschaftssachverständigenrates unter Präsident Gerald Ford und von 1981 bis 1983 als Vorsitzender der Nationalen Kommission zur Reform der Pflichtversicherung (Social Security). Seine erste Frau Joan Mitchell, von der er sich nach zehn Monaten scheiden ließ, führte ihn in den Kreis um die Schriftstellerin Ayn Rand ein. Rands Anhänger sind überzeugte Individualisten und Verfechter des Kapitalismus. Seit zwei Jahren ist Greenspan mit der Fernsehjournalistin Andrea Mitchell verheiratet.

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