Wirtschaft : Alan Greenspan kann nicht ewig leben

Die amerikanische Notenbank hat vergangenen Mittwoch die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte erhöht, um Inflationsgefahren abzuwenden - obwohl die Inflation in den USA im Augenblick so niedrig ist, daß es sie kaum gibt. Wer die Reden, Entscheidungen und Äußerungen eines der erfolgreichsten amerikanischen Notenbankpräsidenten interpretiert, kann zu folgendem Schluß über Alan Greenspans Technik kommen: Greenspan analysiert tonnenweise Daten, überprüft wichtige Indikatoren wie den Lebenshaltungsindex, den Goldpreis, beobachtet den Aktien- und Anleihenmarkt, berücksichtigt eine Portion Irrationalität und Übersteigertheit bei seinen Landsleuten. Und dann entscheidet er aus dem Bauch heraus.Das ist der amerikanischen Wirtschaft bisher sehr zugute gekommen. Und es ist auch praktisch für Greenspan selbst. Er kann eine eigene Meinung bilden, ohne dabei Rücksicht auf alle möglichen Gesetze der Geldpolitik nehmen zu müssen. Vor allem erspart er sich die Diskussion mit den Experten der Phillips-Kurve, die in staubigen Winkeln der Federal Reserve immer noch ihr Unwesen treiben: Sie glauben, wie es der Ökonom Philipps 1958 zeigte, daß hohes Wachstum zwangsläufig zu Inflation führt. Greenspan erklärte kürzlich ganz offen, daß er nicht viel von der Phillips-Kurve halte. Sie habe "erhebliche Mängel". Wachstum, das auf einem normalen Anstieg der Beschäftigung und Produktivität beruhe, könne "nur als ein Plus" angesehen werden. Das bedeute aber nicht, daß ein zu rascher Anstieg der Beschäftigung nicht ab einem bestimmten Punkt auch die Inflation schüre. Zusammenfassend: Die Phillips-Kurve gilt nicht im allgemeinen, aber gerade jetzt.Angenommen, daß das stimmt, ist das Greenspansche Paradoxon trotzdem Anlaß zu Sorge. Weil nämlich längst nicht ausgemacht ist, ob ein Nachfolger des 73jährigen Greenspan ebenso geschickt in der spontanen Navigation ist. Die Amtszeit des jetzigen Fed-Präsidenten läuft im Juni 2000 ab. Wenn sein Nachfolger versucht, Greenspan zu imitieren, könnte er entweder Inflation auslösen oder aber der Wirtschaft schaden - wenn er sich zur falschen Zeit nach der Phillips-Kurve richtet.Jetzt wäre die richtige Zeit, die Greenspansche Geldpolitik zu kodifizieren. Klare Regeln für Entscheidungen der Fed müssen nicht unbedingt besser sein als die Instinkte von Greenspan. Sie hätten aber den Vorteil, daß der Rest der Welt versteht, was die Fed tut. Außerdem gäbe es einen Maßstab, an dem künftige Entscheidungen zu messen wären. Und kurzfristig würde solch ein Prinzip die starken Schwankungen der Anleihekurse verhindern. Die nämlich kommen dadurch zustande, daß ständig Spekulationen über künftige Entscheidungen des Fed-Präsidenten angestellt werden.Vebindliche Regeln für die Fed sind ein schwieriges Feld. Die Probleme beginnen bereits bei der Messung des Preisniveaus - oder was immer das ist, welches die Fed stabil halten soll. Es besteht sogar die Gefahr, daß das, was heute als das Beste von Greenspan erkannt wird, durch noch nicht absehbare technische und wirtschaftliche Veränderungen schnell veraltet. Aber diese Gefahren verblassen gegenüber der Sorge, daß mit Greenspans Abschied, wann immer er kommt, Amerika vom Kurs abkommen könnte. Unter Greenspan hat die Fed vor allem auf die Stabilität des Geldes geachtet und der Wirtschaft Freiraum zum Wachsen gelassen. Das ist eine großartige Art zu navigieren. Und wenn Greenspan nicht plant, für immer Fed-Präsident zu bleiben, ist es Zeit, daß er andere mit seiner Landkarte für eine erfolgreiche Geldpolitik vertraut macht.

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