Wirtschaft : Albert Schulze

Geb. 1915

Katja Füchsel

Zum Rendezvous erschien er im Einspänner, mitten auf dem Feld. Ein Mal im Jahr spielte Albert Schulze den Hans Guckindieluft. Da marschierte der Landwirt in seinen Wald, die drei Söhne um sich herum, und schaute in den Himmel. Was er da oben suchte? Einen Weihnachtsbaum. Denn in Berliner Wäldern wachsen keine Nordmanntannen, stattlich, voll und grün. Die Tannen hier sind untenrum eher kahl, die Äste stachlig. Deshalb hielt Schulze in sechs, sieben Metern Höhe Ausschau nach einer annehmbaren Spitze. Zurück auf dem Hof bohrte Schulze ein paar Löcher in den Stamm, stopfte die fehlenden Äste hinein: fertig war der Nordmann, selbst gebaut.

Das brachte das Leben auf dem Land so mit sich: Für den Berliner Bauern Schulze war manches undenkbar, was dem Berliner Städter ganz normal erscheint. Theater? Hobbys? Reisen? Nix für Schulze. Der fühlte sich unrasiert am wohlsten und änderte sein Äußeres so gut wie nie: Ärmel hochgekrempelt, Mütze auf dem Kopf, Zigarrenstummel im Mundwinkel. Schulze liebte Hunde. Seine hießen alle Lumpi, einer nach dem anderen: die Dogge, der Hütehund, der Terrier, der Dokö (auch: Mischling, Bastard, Dorfköter). Schulzes Hunde passten auf den Hof in Gatow auf und fuhren mit ihrem Herren auf dem Trecker übers Feld. Wenn ein Lumpi starb, traf es Schulze jedes Mal ins Mark. Aber mit ’nem Hund zum Tierarzt? Nie. Wenn’s schwer krank ist, sagte Landwirt Schulze, muss ein Tier halt sterben.

Wär’s nach Schulze gegangen, hätte jedes Ding in seinem Leben einen festen Namen gehabt. Lumpi stand für Hund. Und Minna für die Frau im Haus. Schulzes Mutter hatte so geheißen, also nannte Schulze auch Elisabeth, seine Frau, zeitlebens so. 1915 war Schulze als einziger Sohn auf einem Gut in Kladow geboren, mit zwölf hatte der Bub sein erstes eigenes Pferdegespann, pflügte die Felder wie ein Alter. Doch da, wo die Schulzeschen Äcker seit Jahrzehnten lagen, wollte Berlin 1936 seinen Flugplatz bauen, also kaufte die Familie Land in Gatow: Ein Bauernhaus aus dem Jahr 1880, ein Hof für Schweine, Schafe, Kühe, 140 Morgen Land, dabei ein kleiner Wald.

Im Dorf gehörten sie als „Großgrundbesitzer“ zur besseren Gesellschaft. Doch zum Geigelernen, so wie Mutter Minna es wollte, waren Alberts Hände mit 14 längst zu rau und zu dick. Er war 22, als es ihn für ein Jahrzehnt vom elterlichen Hof verschlug. Erst der Grunddienst beim Militär, später Polen-, Frankreich-, Russlandfeldzug, dann die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Albert hat über diese zehn Jahre seines Lebens später geschwiegen, nur eines oft erzählt: Brot gegen Zigaretten – das war zu Kriegszeiten ein beliebter Tausch. „Ich habe überlebt, weil ich nicht geraucht habe.“

Kaum heimgekehrt, sprachen sich die Gerüchte auf dem Dorf schnell rum. Die Neuigkeiten von Elisabeth, dem masurischen Flüchtlingsmädchen, mit ihrer Familie untergekommen bei Falkensee, im allerbesten Heiratsalter… Sie trafen sich zum ersten Mal auf halber Strecke, mitten auf dem Feld, zum Rendezvous. Albert fuhr mit seinem Einspänner vor – und Elisabeth dachte: Na, vom Hocker reißt der mich aber nicht.

Ausflüge, Essen, Tanzabende – irgendwann war Elisabeth dann doch bereit, nur Albert stellte und stellte die eine große Frage nicht. Also bewarb sie sich als Haushälterin in der Schweiz – dem Land, in dem im Vergleich zu Nachkriegsdeutschland Honig und Schokolade flossen. Als Elisabeth nach zwei Jahren zurückkehrte, gab sie Albert eine allerletzte Chance, schrieb ihm knapp in einem Brief: „Wenn Du noch Interesse hast, kannst Du mich Sonntag um drei am Rathaus Spandau treffen.“

Albert war unabkömmlich: Am Hof kalbte gerade eine Kuh. Er schickte Gertrud, die ältere Schwester, um am Rathaus sein Interesse zu bekunden. 1957 kam Sohn Albert zur Welt, 1958 Günter, 1963 Christian. Der Vater war stets zu Hause, Hausmann war er aber sicher nicht: Erziehung war Minnas Sache, er kümmerte sich um den Hof, war Bauer, Gärtner, Handwerker und Bauarbeiter. Wenn er einen Sohn mit aufs Feld nahm, dann nicht zum Vergnügen. Er sparte sich so einen Weg: Den Sohn setzte er auf den „Lanz Bulldog“, das bullernde Ungetüm von einem Trecker mit rauchendem Schornstein, legte den Gang ein, betätigte das Handgas und ließ Trecker samt Sohn vorneweg fahren. Er selbst fuhr mit dem Mähdrescher hinterher.

Egal, ob er auf Roggen, Kühe oder Hühner setzte, Bauer Schulze verdiente zu wenig: „Eine Trecker-Reparatur und das Geld ist weg!“ Also passte er sich als erster Landwirt in Gatow Ende der Sechziger den Städtern mit ihrem neuesten Hobby an: Reiten. Von nun an nahm er Pferde in Pension. In die Scheune kam eine Reitbahn, aufs Feld eine Koppel, in den Stall eine Sattelkammer.

Mit der aufgehenden Sonne raus, erst am Abend wieder rein. Bauer Schulze liebte seine Arbeit, aber seinen drei Söhnen predigte er: ein sicherer Job, geordnete Arbeitszeiten, feste Urlaubstage – das wär’s. Also gingen Albert, Günter und Christian in den öffentlichen Dienst. Nach der Arbeit kommen bis heute alle heim: Der Jüngste wohnt im Haus der Eltern, die Älteren haben sich dahinter, wo einst ein Urwald von Garten lag, ein eigenes Heim gebaut. 140 Morgen – das Land verkaufte Schulze nie. „Ich bin doch nicht doof!“, sagte er. Seine Felder konnte er ja verpachten.

Freie Zeit – die kann sich endlos ziehen, wenn man nicht gelernt hat, mit ihr umzugehen. Ein Schlaganfall zwang Schulze auf den Platz am Fenster. Hier ärgerte er sich, dass die Arbeit wieder einmal liegen blieb, hier wartete er, dass die Zeit zum Schlafen kam. Eines Tages, kurz nach Weihnachten, hörte Albert Schulze auf zu essen.

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