Wirtschaft : Aldi fordert die Branche heraus

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Die Einführung des Euro-Bargelds könnte einen neuen Preiskampf im Lebensmittel-Einzelhandel auslösen. Aldi, Marktführer unter Deutschlands Discountern, hat Preissenkungen für alle Artikel angekündigt. Einige Produkte werden bis zu vier Prozent billiger. Ausgenommen sind nur Zigaretten und Tabak. Die Lebensmitteldiscounter Plus, Norma und Lidl zogen bereits mit und reduzierten ebenfalls viele Preise. Ob auch die Supermärkte nachziehen werden, ist aber noch offen.

Die Preissenkungen bei Aldi waren für die Branche keine Überraschung. "Jetzt haben die Marktführer endlich ihr neues Preissystem auf den Markt geworfen und testen es nun", sagt Robert Weitz, Chefvolkswirt des Hauptverbands des deutschen Einzelhandels (HDE). Ein Beispiel: Was bei Aldi früher für 5,98 Mark zu haben war und exakt umgerechnet heute 3,05 Euro kosten würde, wird jetzt für 2,99 Euro verkauft, um unter der Schwelle von drei Euro zu bleiben.

Weitz hält die Preissenkungen nicht für den Beginn einer neuen Preisschlacht im Einzelhandel. "Zum Teil werden einfach die Preiserhöhungen aus dem vergangenen Jahr wieder rückgängig gemacht". Branchenbeobachter hatten ermittelt, dass einzelne Preise bei Aldi im Vorfeld der Euro-Einführung teilweise um bis zu 30 Prozent angehoben worden waren. Außerdem bleibe abzuwarten, ob die neuen Schwellenpreise von Dauer seien und ob die Supermärkte tatsächlich nachziehen, sagte Weitz.

Einen weiteren Preiskampf können sich die deutschen Lebensmittelhändler nämlich eigentlich nicht leisten. "Wir haben in Deutschland die niedrigsten Lebensmittelpreise in Europa", sagt Weitz, und die niedrigsten Wachstumsraten. Die Gewinnmarge der deutschen Händler liege meist unter einem Prozent. "Das ist auf Dauer kein gesunder Zustand." Zum Vergleich: In Großbritannien etwa liege die Gewinnmarge der Lebensmittelhändler bei vier bis sechs Prozent, in den USA sogar noch darüber. Die Zahl der Lebensmittelhändler in Deutschland hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert, die Verkaufsfläche hat sich dagegen verdoppelt. Die überschüssige Verkaufsfläche drückt auf den Markt.

Leidtragende beim harten Kampf um Marktanteile seien die etwa 50 000 selbstständigen Lebensmittelhändler, sagt Gerd Härig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels. "Die sind nicht so kapitalstark und können den Preiskampf nicht so lang durchhalten." Im Gegensatz zu Weitz erwartet Härig sehr wohl, dass Aldi mit seiner Aktion eine neue Preissenkungsspirale in Gang gesetzt hat.

Die letzte große Preisschlacht lieferte sich die Branche im September 2000. Der Neueinsteiger Wal-Mart forderte den Discounter Aldi heraus. Damals schritt sogar das Bundeskartellamt ein. Es untersagte den Unternehmen Wal-Mart, Aldi Nord und Lidl, bestimmte Produkte - unter anderen Milch, Butter, Zucker und Mehl - unter ihrem jeweiligen Einstandspreis zu verkaufen. WalMart erhöhte die Preise wieder, hat aber gegen die Verfügung geklagt. Das Oberlandesgericht in Düsseldorf entschied nun, dass die Verfügung des Kartellamts unzulässig war. Das Kartellamt hat jetzt einen Monat Zeit zu prüfen, ob es Rechtsbeschwerde beim Bundesgerichtshof einlegen wird. Zunächst will es aber die Urteilsbegründung abwarten.

Zu den neuen Preisaktivitäten von Aldi, Lidl, Plus und Norma im Zuge der Euro-Bargeld-Einführung wartet das Bundeskartellamt erst einmal ab. Es gebe noch keine Beschwerde und man müsse prüfen, ob die Preise unter dem Einstandspreis liegen. Abwarten wollen auch Rewe, Spar und Edeka. "Wir lassen uns nicht unter Druck setzen", sagte ein Edeka-Sprecher. Die Unternehmen setzen darauf, dass Kunden für mehr Service, Qualität und Beratung bereit sind, auch ein paar Pfennige mehr zu bezahlen.

Die Rinderseuche BSE und die Maul-und-Klauenseuche (MKS) haben die Preise für Fleisch und Molkereiprodukte im vergangenen Jahr bereits in die Höhe getrieben. Der Agrarökonom Dirk Manegold hält die neue Preisrunde im Lebensmitteleinzelhandel für bedenklich. Ein noch größeres Problem sei aber, dass der Verbraucher hier zu Lande ganz offensichtlich nicht im notwendigen Maße auf die Qualität der Ware achte. Das sei beispielsweise in Frankreich anders, sagte Manegold. Er appellierte an die Lebensmittelkonzerne, mehr für die Kennzeichnung von Qualitätsware zu investieren.

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