Wirtschaft : Aldi-Süd lehrt deutsche Bäcker das Fürchten

Discounter testet den Verkauf von frischen Brötchen – Handwerksbetriebe verlieren immer mehr Geschäft an Billigkonkurrenten

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Berlin (pet). Die deutschen Bäcker müssen sich auf einen neuen Preiskampf einstellen. Auslöser ist die Entscheidung von AldiSüd, künftig auch frische Brötchen und Baguettes zu verkaufen, die im Schnitt ein Drittel billiger sind als Bäckerbrötchen. In einer Filiale in Wiesbaden testet der größte deutsche Discounter seit wenigen Tagen den Einsatz von Backautomaten, in denen vorgefertigte Teigstücke vom Ladenpersonal fertig gebacken werden, schreibt die „Lebensmittel Zeitung“. Aldi-Süd wollte die Meldung am Freitag nicht kommentieren Die deutschen Bäcker befürchten das Schlimmste: „Die Entscheidung von Aldi wird eine weitere Marktbereinigung zur Folge haben“, sagt Eberhard Groebel, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbandes des deutschen Bäckerhandwerks. „Der Wettbewerbsdruck wird erheblich verschärft.“

Seit Jahren verlieren die Handwerksbetriebe immer mehr Kunden an Billigkonkurrenten und Discounter. Unternehmen mit Namen wie „Backwerk“, „Brödis“ oder „Baking Friends“ verkaufen ihre Brötchen um 30 bis 50 Prozent günstiger als Handwerker, verzichten auf Service und haben damit großen Erfolg bei den durch die Teuro-Diskussion geizig gewordenen Kunden. Allein im ersten Halbjahr 2003 brach der Umsatz der 16500 Handwerksbetriebe um 9,5 Prozent ein. Nach Angaben des Zentralverbandes geben 600 bis 800 Betriebe jährlich auf.

Aldi ist nicht der erste Discounter, bei dem frischer Brötchenduft durch die Filialen zieht. Die zur Rewe-Gruppe gehörenden Penny-Märkte haben schon vor zwei Jahren Backautomaten in die Geschäfte gestellt. Auch Konkurrent Norma testet in neun Berliner Filialen Brotbackautomaten, in denen angelieferte Teiglinge vor den Augen der Kunden fertig aufgebacken werden. Zum Schaden der Traditionalisten. „Wenn ein Discounter in der Nachbarschaft aufmacht, geht der Umsatz einer Bäckerei um bis zu 50 Prozent zurück“, sagt Bäcker-Lobbyist Groebel.

Gegen die Billigbäcker haben die Handwerker kaum eine Chance. Während ein Handwerksbetrieb 40 Prozent der Kosten fürs Personal ausgibt, sind es bei Billigbäckern maximal 20 Prozent. Möglich ist das vor allem dank der hochtechnisierten Produktion. Die Billigbäcker kaufen industriell vorgefertigte Vorprodukte und backen sie in den Filialen fertig. Die Öfen sind einfach zu bedienen, auch von Aushilfskräften. Das spart Geld. Außerdem sind die Brötchen immer „ofenfrisch“ und in der Qualität von der teureren Bäckerware kaum noch zu unterscheiden.

Auch der größte Bäcker Europas, die Barilla-Tochter Kamps, setzt große Hoffnungen auf das Geschäft mit Discountschrippen. Zusammen mit einem Wettbewerber sind die Düsseldorfer nach eigenen Angaben Marktführer bei den Aufbacköfen. Aldi-Süd gehört zu seinen Kunden „Wir wollen an der Entwicklung partizipieren“, sagt KampsSprecher Volker Berg. Er hofft auf steile Zuwachsraten. „Brot und Brötchen werden immer öfter im Supermarkt gekauft“, prophezeit Berg, „schon aus Bequemlichkeit.“

Nach Angaben des Verbandes Deutscher Großbäcker stehen derzeit 7500 Aufbackstationen, wie die großen Öfen im Bäckerdeutsch heißen, in den Filialen der Supermärkte und Discounter. In den nächsten eineinhalb Jahren sollen noch einmal 2500 hinzukommen. Vielleicht sogar noch mehr, wenn Aldi sich entscheiden sollte, ganz ins Brötchen-Business einzusteigen. Schon jetzt hat der Discounter beim (verpackten) Brot einen Marktanteil von 22 Prozent.

Die Bäcker sind nervös. „Wir beobachten äußerst gespannt, wie sich das Aldi-Angebot entwickelt“, sagt Geschäftsführer Groebel. „Der Wettbewerb wird auf jeden Fall über den Preis ausgetragen.“ Trotzdem rät er Handwerksbetrieben davon ab, mit den Billiganbietern zu konkurrieren. „Der Kunde akzeptiert höhere Preise – aber nur, wenn die Qualität deutlich besser ist.

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