Wirtschaft : Aldi und Lidl gehen in den Nahkampf

Die Billigketten finden kaum noch gute Standorte und eröffnen neue Geschäfte häufig in Nachbarschaft zueinander

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Berlin (msh). Heiko Balsmeyer hat keine Lust auf Aldi. Seine Heimatstraße in Prenzlauer Berg wird zweispurig ausgebaut, damit der neue Aldi-Markt für Lieferanten und Kunden mit dem Auto besser zu erreichen ist. Balsmeyer und die Mitglieder der Bürgerinitiative „Keine Aldi-Straße" fürchten jetzt, dass ihr Kiez von einer „Blechlawine" überrollt wird. Besonders ärgerlich für Balsmeyer: „Wir haben diesen Aldi gar nicht gebraucht. In unmittelbarer Nähe gibt es zwei Filialen der Discounter Lidl und Norma."

Das Beispiel aus Prenzlauer Berg zeigt: Der Konkurrenzkampf unter den Lebensmittel-Discountern wird schärfer. Immer tiefer dringen Aldi, Lidl, Plus oder Penny mit ihren Filialen in die Wohngebiete ein, um sich bei den Verbrauchern als Nahversorger zu etablieren. Inzwischen gibt es in Deutschland rund 14 000 Discountgeschäfte, fast 50 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. „Die Discounter übernehmen die Grundversorgung, ausgefallene Wünsche erfüllen sich die Verbraucher bei den großen Verbrauchermärkten oder im Fachgeschäft“, sagt Herbert Kuhn, Handelsexperte beim Marktforschungsinstitut Eurodata.

Im vergangenen Jahr steigerten die Lebensmitteldiscounter ihre Umsätze um zehn Prozent auf 37,7 Milliarden Euro. Die Wirtschaftskrise und die Einführung des Euro förderten den Trend zum Billiganbieter. Im laufenden Jahr verlangsamte sich das Wachstum. Bis August setzten die Discounter fünf Prozent mehr um. Damit schnitten sie aber immer noch besser ab als Super- und Verbrauchermärkte, deren Erlöse stagnierten.

Nach Ansicht von Branchenexperten stößt das Wachstum der Discounter langsam an seine Grenzen. Für die aggressiven Ketten werde es zunehmend schwieriger, geeignete Standorte zu finden. „Die guten Immobilien sind längst vergeben", sagt Dieter Brandes, ehemaliger Aldi-Manager und Autor mehrerer Bücher über den Discounter. Immer häufiger machen sich die Billigketten gegenseitig Konkurrenz und eröffnen ihre Läden in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. „Läuft eine Filiale gut, will der eine dem anderen das Geschäft nicht alleine überlassen", sagt Wolfgang Twardawa, Handelsexperte bei der Gesellschaft für Konsumforschung. Besonders aggressiv geht dabei der ehrgeizige Lidl-Chef Dieter Schwarz vor, der seinen Rückstand zu Marktführer Aldi verkürzen will. „Lidl sucht die Nähe zu Aldi, weil der Top-Discounter viele Kunden an einen Standort zieht“, sagt Twardawa.

In Norddeutschland, wo Lidl bis vor einigen Jahren eher spärlich vertreten war, treibt Schwarz die Expansion besonders vehement voran und steigert die Zahl der derzeit bundesweit rund 2300 Filialen stetig. Aldi Nord hat mit etwa 2400 Geschäften in der Nordhälfte Deutschlands schon ein sehr dichtes Filialnetz und fährt deshalb eine andere Strategie. Die kleineren Aldi-Filialen werden durch großzügigere Läden mit einer ausreichenden Zahl an Parkplätzen ersetzt.

Der Konkurrenzkampf von Aldi und Lidl findet aber nicht nur über die Standorte statt. Hat Lidl in der Vergangenheit sein Vorbild bis ins Detail kopiert, wollen sich die Schwaben heute konzeptionell von Aldi abgrenzen. Während Aldi ein kleines Sortiment mit 700 bis 800 Artikeln hat und fast ausschließlich Handelsmarken verkauft, führt Lidl unter seinen 1200 Produkten auch viele bekannte Marken, vom Henkell-Sekt bis zu echten Choco Crossies. „Das ist der einzige Weg, um sich zu differenzieren", meint Handelsexperte Twardawa. In den letzten Jahren hätten die Kunden ein fast grenzenloses Vertrauen in die Qualität und die Preiswürdigkeit der Aldi-Produkte entwickelt. Dem sei nur mit preisgünstiger Markenware beizukommen.

Nicht nur, dass die Billigketten kaum noch lukrative Standorte finden, auch die bislang in Schockstarre befindliche Konkurrenz hat auf die Herausforderung von Aldi und Co. reagiert. „Bei Aktionsware wie Computern oder Digitalkameras wird der Preisabstand zu Elektronikmärkten wie Saturn immer geringer“, sagt Twardawa. Auch die Ausweitung auf neue Warengruppen stößt an seine Grenzen. Nach Milchprodukten, Obst und Tiefkühlkost hatten Aldi und Lidl zuletzt auch abgepacktes Frischfleisch ins Sortiment genommen. „Andere Waren wie Autos oder Reisen lassen sich ohne Beratung nur schlecht verkaufen“, sagt Twardawa.

Die Konkurrenz von Supermärkten und Warenhäusern hofft, dass mit einer Besserung der Wirtschaftslage die Discounter an Attraktivität verlieren. Ddann könnten sich die Verbraucher von ihrer Geiz-ist-geil-Mentalität verabschieden und wieder häufiger sagen: „Man gönnt sich ja sonst nichts“.

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