Wirtschaft : Alf Hoheisel

(Geb. 1943)||Wirklich antiautoritär – das waren die Bayerischen Gebirgsjäger.

David Ensikat

Wirklich antiautoritär – das waren die Bayerischen Gebirgsjäger. Ganz in der Nähe der Hoheisel-Wohnung befand sich eine Russen-Kaserne. Wenn die Soldaten die Kaserne verließen, sangen sie ein Lied, für dessen Refrain der kleine Alf viel Verständnis hatte: „… Leberwurscht öhöhö Leberwurscht …“. Ähnliche Wünsche trieben ihn zu jener Zeit um. Später studierte Alf Hoheisel Russisch und stieß auf den Text des Soldatenliedes. Darin war es ja gar nicht ums leibliche Wohl gegangen, sondern ums historische: Die Soldaten hatten Lenin besungen, den Führer, russisch: „voshd“.

Die Geschichte kommt in dem schönen Buch „Der Weiße Neger Wumbaba“ vor, in dem kindliche Irrtümer gesammelt sind. Es ist 2004 erschienen, da war Alf Hoheisel schon todkrank. Dass seine Geschichte aufgenommen worden war, freute ihn sehr. Sie entsprach ganz seinem Humor: ein wenig hintergründig, eher volkstümlich, ganz diesseitig.

Während seiner Kindheit in Schwerin mag es an Leberwürsten gemangelt haben, aber dennoch war sie glücklich und frei. Freier wohl als die Jugend. Das hatte mit dem Vater zu tun, der im Krieg umgekommen war, und für den es in Schwerin noch keinen Ersatz gegeben hatte. Die Mutter musste schuften, Alf konnte die Welt erkunden. Er musste nur eine rote Baskenmütze tragen, damit man ihn leichter wiederfand.

Die Jugend in München: Der Onkel, ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier, der in der Bundeswehr General wurde, heiratete die Mutter und musste ab sofort „Vati“ genannt werden. Er legte auf die Etikette Wert, vor ihm durfte niemand mit dem Essen anfangen, er forderte Respekt ein und erzeugte Unterwürfigkeit. Wichtig war ihm der richtige Umgang seiner Kinder. Deshalb durfte Alf nicht in den Fußballverein, zu viele Proletenkinder dort. Die Abneigung war gegenseitig: Als Alf mal mit ein paar Freunden aus einfacheren Haushalten zusammenstand, lief in einiger Entfernung der „Vati“ vorüber – mit wenig Haaren auf dem Kopf und abstehenden Ohren. Einer der Freunde rief: „Da schaut’s, wos leift da für a’ Aff’!“ Selbstverständlich klärte Alf die Freunde nicht auf. Immerhin: Er hatte Mitleid mit dem Stiefvater. Wahrscheinlich blieb die Situation deshalb in seiner Erinnerung haften.

Man könnte von einer klassischen 68er-Jugend sprechen: Die Fragen des Sohnes, das Schweigen der Eltern, das: „Darüber spricht man nicht.“ Nur: Im Falle Alf Hoheisels trug der Wehrdienst bei den Gebirgsjägern mindestens so sehr zum antiautoritären Werdegang bei wie sein anschließendes Studium an der FU in Berlin. Bei den Gebirgsjägern war er umgeben von besonders selbstbewussten Exemplaren jener Menschenspezies, die dem Stiefvater so unangenehm waren. Bayern, die beim Eintritt des Unteroffiziers nicht strammstanden, sondern sagten: „Da schau her, bist’s a scho do“.

Das hat ihn beeindruckt, und es hat ihn bestärkt in der Ahnung, dass der Umgang mit den einfachen Leuten dem mit den dünkelhaften Hochfliegern vorzuziehen sei. Alf Hoheisel wurde folglich nicht Lehrer am Gymnasium, sondern an einer Gesamtschule. Da gäbe es auch mehr zu tun, mehr zu bewegen, meinte er. Und lernte, wie schwer das ist. Er war handfest, ein Mann des klaren Wortes und deshalb auch beliebt. Aber wie mag das sein, wenn man in den Geschichtsunterricht die Gitarre mitnimmt und den Schülern Kampflieder aus der Bauernkriegszeit vorsingt, man hat solche Sachen schon öfter getan, es hat funktioniert – und auf einmal steht man einer dumpfen Mauer gegenüber und weiß: Da kommt überhaupt nichts an.

30 Jahre lang Lehrer, immer wieder siebente bis zehnte Klasse. Angetreten, Dinge zu bewegen, Menschen zu formen, Festgefügtes aufzubrechen. Den Vorsatz nicht vergessen, Niederlagen als Niederlagen erkennen, vielleicht schärfer noch als andere. Gesund kann das nicht sein.

Als Alf Hoheisel schon schwerkrank war, ist er nochmal für fünf Wochen in der Schule gewesen. Da hat er gemerkt, was Lehrer selten merken: dass seine Schüler ihn mochten. Zu seinem Geburtstag haben sie ihn gefeiert.

Er war eine treue Seele, manchmal kam er sich unter seinen ungebundenen Kollegen merkwürdig vor, der Vater zweier Kinder, mit ein und derselben Frau zusammen seit 1967. Die Briefe an seine Mutter und den Stiefvater hat er immer unterschrieben mit: „Euer Euch liebender Sohn“.

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