Wirtschaft : Alfred Gleitze

Geb. 1934

Thomas Loy

Falken, SPD, Greenpeace, BVV, Rugby-Club, Sängerknaben: Er war dabei. Fritz und Jette“, das ist der Titel einer Alt-Berliner Posse. Auf den Inhalt müssen wir nicht näher eingehen, weil die Steglitzer Laienspielgruppe das Stück nie zur Aufführung brachte. Offenbar erkannten die Freizeitschauspieler rechtzeitig vor der Premiere, Anfang der fünfziger Jahre den begrenzten politischen Mehrwert des Klamauk-Genres und wechselten zum Kabarett. Die genaueren Gründungsumstände der „Zivilisten“ liegen im Halbdunkel der Berliner Nachkriegszeit. Jette weiß nur noch, dass Alla sie seitdem Jette nannte. Alla und Jette wurden ein verschworenes Berliner Ehepaar, dem Possenreißen nicht abgeneigt, aber vor allem der Politik verpflichtet, speziell der lokalen.

Alfred und Christa, das sind ihre richtigen Namen, machten damals bei den „Falken“ mit, der SPD- und gewerkschaftsnahen Jugendorganisation. Die Falken waren in den fünfziger und sechziger Jahren eine Macht in der Stadt. Man führte das Wort „sozialistisch“ im Namen und bewegte sich im Fluss der Meinungen um einige Knoten flotter als das behäbige Schlachtschiff SPD.

Während die Sozialdemokratie im Godesberger Programm noch mit dem Selbstverständnis rang, machten die Falken schon Ostpolitik. 1959 organisierte Alfred Gleitze zusammen mit seinem Bruder und Harry Ristock, dem späteren Bausenator, die erste Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz. Vier Jahre später ging es nach Theresienstadt und Lidice: Die Transitverhandlungen mit der DDR verliefen zäh, die Aussöhnung mit den Opfern des Naziterrors über ihre Köpfe hinweg war den Politstrategen der SED nicht geheuer. Also wurden die 20 Busse, voll besetzt mit Sozialisten aus dem Land des Klassenfeinds, morgens um zwei Uhr durch das schlafende Dresden geschleust. Die Gegenbesuche der Jugendgruppen aus Osteuropa verliefen einfacher. Alfred Gleitze hielt meistens die Ansprachen, formulierte Willkommensgrüße und Abschlusskommuniqués, sein kleiner Bruder kümmerte sich ums Essen. Die Arbeitsteilung beruhte auf einer langen familiären Tradition.

Alla war immer „der Große“, wurde vom Vater früh in die politische Weltlage eingeweiht, was notwendig war, denn 1948 wechselte die Familie aus der kommunistischen Hemisphäre in die kapitalistische – geographisch nur ein paar Straßen entfernt. Der Vater war Antifaschist, Freund von Kurt Schumacher und in der sowjetischen Besatzungszone ein hohes Tier. Nach der Zwangsfusion von SPD und KPD zur SED quittierte er seinen Dienst und gab alle Privilegien auf. Alfred Gleitze lernte, dass Überzeugungen wichtiger sind als Geld und Ansehen.

Er studierte Jura und Wirtschaft, mischte aber weiter in der Berliner Lokalpolitik mit. Von Kreuzbergs Bürgermeister Willy Kressmann bekam er das Angebot, die Pressestelle zu übernehmen, und er nahm es gerne an. Die Rolle des politischen Akteurs füllte ihn aus, die des kühlen Analytikers und distanzierten Beobachters blieb ihm fremd. Das Studium schlief langsam ein.

August 1968: Der Prager Frühling wurde gewaltsam niedergeschlagen. Die Falken, Alfred war inzwischen ihr Landesvorsitzender, organisierten zusammen mit dem Sozialistischen Studentenbund einen Demonstrationszug zur Militärmission der MSSR in Dahlem. Am nächsten Tag fuhr Alfred mit einem Falken-Genossen nach Prag – nicht um sich vor die russischen Panzer zu werfen, sondern um nach Freunden zu schauen, die sie beim Jugendaustausch kennen gelernt hatten.

Alfred wurde Stadtrat in Schöneberg, dann Bürgermeister, dann wieder Stadtrat, dann Bezirksverordneter, dann BVV-Vorsteher. Seine politische Karriere hatte viele Hochs und Tiefs. Das Höchste, das Amt des Bürgermeisters, war ihm nur vier Jahre lang vergönnt. Sehr schade, findet seine Tochter, inzwischen selbst Stadträtin. Der Bürgermeister habe seinem Wesen am meisten entsprochen: Jovial, immer ansprechbar, nach allen Seiten offen, ein freundlicher 100-Kilo-Mann, den nichts aus der Ruhe bringt. Nach Dienstschluss ging Gleitze mit seinen leitenden Mitarbeitern gern zum Kegeln.

Als Bezirksvorsteher führte er den interfraktionellen Umtrunk nach Sitzungsschluss ein. Immer mal wieder boykottierte eine Fraktion den Stammtisch, doch lange währten solche Abstinenzversuche nie. Alfred Gleitze war ein Konfliktabsorbierer, dessen sonorer Ausstrahlung selbst politische Kampfhähne erlagen. Als seine Fraktion ihn nicht mehr für die BVV nominierte, ging er weiter zu den Sitzungen. Sagen durfte er nichts mehr, aber seine Anwesenheit sagte genug.

Alfred Gleitze war Mitglied in mindestens 36 Vereinen, Gesellschaften und Förderkreisen, eine hohe Dunkelziffer ist wahrscheinlich. Das Spektrum reichte von Greenpeace über den Berliner Rugby-Club bis zu den Schöneberger Sängerknaben. Im Juli dieses Jahres wurde er Stadtältester. Sein politisches Leben fand darin einen würdigen Abschluss.

Von nun an konzentrierte er sich auf seine Rolle als sechsfacher Großvater. Am 27. August ging er zur Einschulung seiner Enkelin Juliane in die Kennedy-Schule. Kurz vor der Zeremonie brach Alfred Gleitze auf dem Schulhof zusammen und stand nicht mehr auf. Plötzliches Herzversagen wegen Diabetes, vermutet der Arzt.

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