Wirtschaft : Alfred Kühn

Geb. 1938

Jochen Schmidt

Es wird so viel Wahres gesagt, man kann sich nicht alles merken. Als er zuletzt seine eigene Todesanzeige entwarf, „Unser Ali lacht nicht mehr“, war von seiner akkuraten Ingenieur- Handschrift nichts mehr geblieben. Vielleicht würde die Anzeige jemand ausschneiden, dem sie auffiel, so wie er immer interessante Todesanzeigen gesammelt hatte, überhaupt Sprüche und Zitate in jeder Form, ausgeschnitten aus Kalendern, Zeitungen, Zeitschriften, in Schönschrift aus Büchern abgeschrieben und im Keller in Zettelkästen gelagert, die darauf warteten, sortiert zu werden. Es wird so viel Wahres gesagt, man kann sich nicht alles merken.

Für seine Frau schrieb Alfred Kühn mit Füllfederhalter Gedichte ab, Schillerballaden, viel von Eichendorff, die beiden lernten sie auswendig für lange Wanderungen im Urlaub. Auf einer Mappe steht die Regel: Im geraden Monat ein neues Lied lernen, im ungeraden ein altes wiederholen oder einen Spruch oder ein Datum.

Wissenswertes wurde in Schachteln alphabetisch geordnet (Leserfrage: „Warum schloss Deutschland keinen Friedensvertrag?“ „Was ist Mittelstand?“). Kein Wunder, dass ihnen Ratesendungen gefielen, allerdings zunehmend wegen der interessanten Menschen, die man dort zu sehen bekam.

Die Freude am Wissen, vielleicht ist sie typisch für Generationen, für die es nicht selbstverständlich war zu studieren. Die von dem ausgehen mussten, was die Eltern erreicht hatten. Der Vater war bei Borsig, und auch Alfred Kühn lernte bei Borsig Schlosser. Auf der Abendschule hat er sich zum Ingenieur qualifiziert. Die Zeugnisse vom Technikerlehrgang Maschinenbau belegen in „Pumpen“ und „Hebezeuge“ ein „ziemlich Gut“ und in „Dampfkessel“ ein „Gut“.

„Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt“ – Schopenhauer könnte die Heiligenseer Borsigsiedlung gemeint haben, wo sich keines der Häuser besonders von den anderen unterscheidet. Hier geboren, ist Alfred Kühn nie lange weg gewesen; nach dem Krieg war er als Jugendlicher einmal bei einer Tante in Mannheim. „Wäre ich dort geblieben, wäre wohl mehr aus mir geworden“, sagte er, weil sie so penibel auf alles Obacht gab.

1961 hatte man in Heiligensee plötzlich die Mauer vor der Nase, auch Bergmann-Borsig war jetzt geteilt. Das WestBerliner Werk blieb seine Heimat. Als er in den vorzeitigen Ruhestand ging und sich beim Arbeitsamt melden musste, staunten die Bearbeiter, weil sie das nur noch selten hatten, dass jemand von der Ausbildung bis zur Rente beim selben Betrieb gewesen war. Wie sein Werk in den letzten Jahren immer kleiner wurde, das tat ihm weh.

„Die Freude flieht auf allen Wegen, der Ärger kommt dir gern entgegen.“ Als die erste Frau gestorben war, musste er allein für die drei Kinder sorgen. Vor vier Jahren bekam er selbst Krebs, trotz Tischtennisverein und gesunder Ernährung. „Sie hatten keine Chance“, sagte der Arzt am Ende, „es sind die Gene.“ Den Krankheitsverlauf hat er noch dokumentiert, alle Materialien im Keller gesammelt, die Röntgenbilder und Werte. Für die Kinder, damit sie einmal wissen, was ihrem Vater passiert ist. Ordnen müssen sie sie aber alleine.

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