Wirtschaft : Alice von Kieseritzky

(Geb. 1926)||Ihr Mann blieb oft allein zu Haus. So viele freie Wochen wie sie hatte er nicht.

Stephan Reisner

Ihr Mann blieb oft allein zu Haus. So viele freie Wochen wie sie hatte er nicht. Eigentlich wollte sie immer nur malen“, sagt der ältere Sohn. Aber nach dem Studium kam Alice von Kieseritzky kaum noch dazu. Fünf Jahre hatte sie Malerei und Kunstpädagogik an der Hochschule der Künste studiert, geworden ist sie Kunstlehrerin an einem Kreuzberger Gymnasium.

Fast dreißig Jahre lang, bis zu ihrer Frühpensionierung 1985, erklärte sie, was ein Siebdruck ist, wie der Farbkreis aufgebaut ist und wie man ein Paar Schuhe mit dem Bleistift aufs Papier bringt. Sie verzweifelte gelegentlich an den kulturell unterschiedlichen Farbgeschmäckern ihrer Schüler. Als nach der Oberstufenreform in den Siebzigern der Lehrplan mit Themen wie moderne Architektur, Grafik, Design und visuelle Kommunikation aufgestockt wurde, lehrte sie auch diese. Sie machte immer einen guten Job – und hielt sich an den Vorsatz: „Wenn die Ferien beginnen – nichts wie weg!“

England, Dänemark, Bayern, Israel, Japan, Nordkap – auf ihren Reisen entkam sie der Routine des Schulalltags. Sie genoss es, über Wochen mit ihren zwei Söhnen unterwegs zu sein. Ihr Mann, ein Jurist, blieb meist allein zu Hause. So viele freie Wochen hatte er nicht. Auch um der Reisen willen wagte Alice von Kieseritzky sogar einen zweiten Versuch der Führerscheinprüfung, zehn Jahre nach dem missglückten ersten. Jetzt fragte niemand mehr nach dem Unterschied zwischen einem Selbstzünder und einem Fremdzünder, und prompt bestand sie.

Jeder Kilometer im schmucken Opel B Kadett war ein Abenteuer. Zum Beispiel die im Kollektiv beschlossenen Überholmanöver auf den Fernstraßen: „Sollen wir, oder sollen wir nicht?“ Die Söhne lasen die Karten und korrigierten, wenn nötig, auch die Lenkradstellung. Zu dritt meisterten sie sogar den Linksverkehr in England. Wenn sie losfuhren, war ihr Ziel nur vage, Hauptsache sie kamen nicht vorm letzten Ferientag zurück.

Als Alice von Kieseritzky sich Mitte der Siebziger beim Skifahren den Knöchel brach, hatte sie endlich einmal Zeit fürs Malen und Kleben. Es entstand ein großformatiger Familienalmanach. Die erste Seite erzählt von der schicksalhaften Begegnung mit ihrem Mann: Neben einem Auto vergießt eine junge Frau viele Tränen. Neben ihr sitzt eine Chinesin mit spitzem Hut an einem runden Tisch. Halb davor verbeugt sich ein Bauarbeiter. In großen Lettern zieht sich der Schriftzug „Zinnoberball“ über das in weiteren Szenen aufgelöste Bild. Einige Herzen leuchten auf, irgendwo versteckt sich das Datum „3.3.“ Eine vermasselte Führerscheinprüfung, ein studentischer Faschingsball, eine Aufforderung zum Tanz, der sich an den Ball anschließende Geburtstag des zukünftigen Mannes.

Ihren Traum von der freien Kunst erfüllte sich Alice von Kieseritzky als Pensionärin. Sie richtete sich ein Atelier ein.

„Unterwegs – Alles sieht mich an“ – so hieß eine ihrer wenigen Ausstellungen, auf der sie Skulpturen und Fundstücke zeigte: Grotesk geformte Strandhölzer neben kleinen surrealistischen und wie aus Gemälden von Max Ernst entflohenen Holz- oder Baumrindenstücken, daneben wie riesige Schmetterlingsflügel zwei getrocknete Korallenblätter, Steine und Muscheln mit großen Augen. Auf dem Ausstellungsblatt steht: „Ich gehe und sehe / Augen hier, Gesichter dort, / auch ganze Gestalten – keine Menschen, / Formen und Farben. / Entstanden durch Zufall, / Natureinwirkung. / Immer wieder anders in unendlicher / Vielfalt. / Großartige Augenerlebnisse für mich.“

Als ihr das Malen zu anstrengend wurde, begann sie zu fotografieren und mit Fotogrammen zu arbeiten. Der Natur und dem Zufall verdankte sie weiter ihre Motive. Was immer sie auf ihren letzten Wegen sah – es wird ein Rausch an Augenerlebnissen gewesen sein. Seit Jahren litt sie an Alzheimer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben