Wirtschaft : Alle 18 Minuten ein Konkurs

MÜNCHEN (tmh).Die rund 2,6 Millionen bundesweit in der Kreide stehenden Privathaushalte benötigen dringend ein Bündnis gegen Überschuldung.Das forderte der Präsident des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU), Ulf Giebel, am Donnerstag in München.Andernfalls drohe die Anfang dieses Jahres in Kraft getretene neue Insolvenzordnung zu versanden.Die darin enthaltene Chance auf Privatkonkurs habe bei öffentlichen Schuldnerberatungen zur Totalüberlastung geführt.Zum Teil seien Beratungstermine erst wieder im Jahr 2000 frei.Etwa die Hälfte aller bislang rund 50 000 Schuldner, die das neue Recht in Anspruch nehmen wollen, seien deshalb in die Arme gewerblicher Schuldnerberatungen getrieben worden, kritisierte Giebel.

Zugleich warnte er vor deren mangelhafter Beratung und dem Umstand, daß sie dafür auch auf Vorauskasse pochen.In den rund 640 öffentlichen Schuldnerberatungen würden rund 2300 Experten fehlen, um dem aktuellen Bedarf gerecht zu werden.Darüber hinaus leide das neue Gesetz unter vielen offenen Fragen, obwohl es seit Mitte der 70er Jahre diskutiert worden sei, klagte Giebel.So sei derzeit unklar, ob Schuldnern im Rahmen der neuen Rechtsprechung Prozeßkostenhilfe gewährt werde.Im Schnitt seien pro Fall 3000 DM fällig.Falls die Bundesländer dafür geradestehen müssen, würden deren Kassen mit sechs bis acht Mrd.DM belastet.Mehr Personal bedinge der Verbraucherkonkurs auch bei Gerichten, wo nun mindestens 500 Richter und 800 Rechtspfleger fehlten.Die entscheidende Engstelle ist nach BDIU-Einschätzung aber die öffentliche Schuldnerberatung.Mit genügend Personal könnten diese Stellen dafür sorgen, daß mindestens die Hälfte aller Privatpleiten außergerichtlich geregelt werden könnten, was für alle Beteiligten von Vorteil sei.Derzeit liege diese Quote bei 24 Prozent.Das Problem sei schon deshalb drängend, weil erst knapp zwei Prozent aller hierzulande verschuldeten Haushalte den neuen Rechtsweg beschritten hätten.

Insgesamt könnten sieben Prozent der heimischen Bevölkerung ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen, bilanzierte Giebel.Das bedeute seit 1994 einen Zuwachs von fast einem Drittel.Deutsche stünden heute mit insgesamt 440 Mrd.DM allein durch Konsumentenkredite in der Kreide.Dazu kämen Immobilienkredite von 1,5 Billionen DM.Immer mehr Jugendliche machten schon vor Erreichen der Volljährigkeit Schulden.Auch auf Unternehmensebene kommt die bundesdeutsche Pleitenwelle nicht zum Stillstand.Für das laufende Jahr erwartet Giebel einen neuen Insolvenzrekord von rund 28 500 (Vorjahr 27 828) Firmen.Das vernichte wie im Vorjahr schätzungsweise 65 Mrd.DM volkswirtschaftliches Vermögen und rund 550 000 Arbeitsplätze.Damit gehe alle 18 Minuten ein Betrieb pleite und ein Arbeitsplatz verloren.Bis Ende 2000 erwarten die 426 BDIU-Unternehmen eine weitere Verschlechterung privater und gewerblicher Zahlungsmoral, vor allem in Ostdeutschland.Problembranche Nummer eins bliebe der Bau neben Gastgewerbe, Handwerk und auch der öffentlichen Hand.

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