Wirtschaft : Alle Mann gegen die SPD

Für die IG Metall ist die Niederlage im Arbeitskampf Randthema auf dem Gewerkschaftstag

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Frankfurt (Main) (alf). Ein Gast hatte es bereits am Freitagnachmittag geahnt. „Wer hier den Frieden stört, wird in den Keller gesperrt“, meinte der Vorsitzende einer großen deutschen Gewerkschaft über die Stimmung auf dem IGMetall-Kongress. Tatsächlich fiel die norddeutsche Delegierte Birgit Steinborn mit ihren Kritik am designierten Gewerkschaftschef Jürgen Peters aus der Reihe. „Ich halte es für falsch, wenn jemand, in dessen Verantwortungsbereich eine Niederlage fällt, auch noch Karriere macht.“

Als für Tarifpolitik zuständiges Vorstandsmitglied der IG Metall ist Peters neben dem ostdeutschen Streikführer Hasso Düvel der Hauptverantwortliche für die Niederlage im Arbeitskampf um die 35-Stunden-Woche. Aber das wurde an den ersten beiden Tagen des Frankfurter Kongresses nicht weiter thematisiert. Im Gegenteil. Düvel gab sich vor den knapp 600 Delegierten ratlos: „Wir haben alle nicht vorhergesehen, dass wir so in die Defensive kommen würden.“

Über diese Einschätzung wiederum konnte sich Erich Klemm nur wundern. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Daimler-Chrysler befasste sich ironisch mit der Streikanalyse von Peters und Düvel: „Ganz unerwartet brechen die Betriebe weg, und ganz unerwartet sind die Arbeitgeber hart.“ Und schließlich seien die westdeutschen Betriebsräte der Autofirmen, die als Kritiker der Streikstrategie aufgetreten waren, an der Schlappe der IG Metall schuld. „Diese Todesstoß-Legende ist Unfug“, sagte Klemm, und habe „überhaupt nichts mit denen zu tun, die die Streikverantwortung tragen“. Also Düvel und Peters. Peters wird am Sonntag zum Ersten Vorsitzenden gewählt, und Düvel denkt nicht an Rücktritt. „Ich lasse meine Mannschaft nicht im Stich.“ Wohl auch deshalb nicht, weil ihm die Niederlage „persönlich am meisten wehtut“.

Keiner versteht den Streit

Ansonsten war die Niederlage eher ein Randthema. Die Basis kritisierte die „Schlammschlacht“ unter ihrem Spitzenpersonal – die Auseinandersetzung zwischen Klaus Zwickel und Jürgen Peters, die mit dem Rücktritt Zwickels endete. Der Auftritt in den Medien sei für manchen Spitzenfunktionär offenbar wichtiger gewesen als die Interessen der IG Metall, beschwerte sich ein Delegierter. „Hört auf, in jedes Mikrofon zu sprechen“, appellierte der Hannoveraner Reinhard Schwitzer unter großem Applaus an die Führungsspitze. Doch so richtig munter wurden die Delegierten, wenn es gegen das Kapital ging, gegen Neoliberale und die Bundesregierung. „Hören wir auf zu glauben, dass ein Fuchs Vegetarier wird“, rief ein hessischer Metaller den Kolleginnen und Kollegen zu. Der Fuchs, das ist der Kapitalist. Und der ist schlau und hat viele Möglichkeiten: „Wir können Abgeordnete wählen, aber die können sie kaufen“, erläuterte Joachim Bigus aus Osnabrück den Unterschied zwischen Kapital und Arbeit.

Den stärksten Applaus holte sich Klaus Ernst ab. Der Schweinfurter IG-Metall-Chef spricht eine kräftige Sprache. Zum Beispiel, um den viel zu laschen Umgang der IG Metall mit der sozialdemokratischen Sozialpolitik zu beschreiben. „Stellt euch vor, ihr erwischt einen Einbrecher. Und ihr lasst ihn laufen, weil dieser Einbrecher das kleinere Übel ist, denn da gibt es ja womöglich einen anderen Einbrecher aus Bayern, der die Waschmaschine klauen will. Unabhängig vom Parteibuch müssen wir uns gegen den Einbrecher wehren.“ Die Delegierten haben verstanden und johlen auf; der erste Einbrecher ist Gerhard Schröder, der andere Edmund Stoiber. Die SPD, meint Ernst, verliere die Achtung in den eigenen Reihen. Und das dürfe der IG Metall nicht passieren.

Ernsts Auftritt kam einer Bewerbung gleich. Denn am Sonntag will der Protagonist des linken Flügels für den geschäftsführenden Vorstand kandidieren – und die Absprache zwischen dem neuen Führungstandem Peters/Huber stören, wonach die Kandidaten für die sieben Vorstandsplätze feststehen. Wenn Ernst gewählt wird – und daran gibt es keinen Zweifel – verliert das Huber-Lager Gewicht im geschäftsführenden Vorstand. Deshalb galt es am Sonnabendnachmittag als gut möglich, dass die Huber-Fraktion auch noch einen Kandidaten aufstellen würde. In dem Fall würden sechs Personen für vier Plätze kandidieren.

Am Sonntag werden ferner die 29 ehrenamtlichen Vorstandsmitglieder gewählt. Die spektakulärste Veränderung dabei betrifft den Ersten Bevollmächtigten der Berliner IG Metall, Arno Hager. Hager, der durch eine selbstkritische Analyse der Arbeitskampfniederlage auffiel und als Huber-Freund gilt, wurde von den Delegierten des Bezirks Berlin, Brandenburg und Sachsen, der von Düvel geleitet wird, nicht wieder nominiert. In den kommenden vier Jahren wird der Bezirk von Carmen Bahlo (Betriebsratsvorsitzende von ZF Brandenburg), Hermann von Schuckmann (Erster Bevollmächtigter der IG Metall Ludwigsfelde) und dem Betriebsratsvorsitzenden von VW in Mosel, Jens Rothe, im Gesamtvorstand vertreten.

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