Wirtschaft : Allerbeste Wendestimmung in den Unternehmen

Geschäftsklima ist so gut wie vor 15 Jahren / Nach den USA könnten Zinsen auch in Europa weiter steigen

Moritz Döbler (mit reuters)

Berlin - Die Stimmung in den Unternehmen ist so gut wie seit 15 Jahren nicht mehr und damit auf dem Niveau des Booms nach der Wiedervereinigung. Der Geschäftsklimaindex des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) stieg im März von 103,4 auf 105,4 Punkte und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Er gilt als einer der wichtigsten Frühindikatoren. Im März zog er zum vierten Mal in Folge an; bereits drei Anstiege hintereinander gelten als Aufwärtstrend.

„Der konjunkturelle Aufschwung hat sich damit weiter stabilisiert“, sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Die Bundesregierung wertete den Anstieg positiv. „Wir sehen, dass die konjunkturelle Erholung weiter an Breite gewinnt“, sagte Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU). In der Vergangenheit entsprach die derzeitige Bestlaune einem Wirtschaftswachstum von über drei Prozent – die meisten Experten rechnen aber mit maximal zwei Prozent in diesem Jahr.

Die Analysten der NordLB sprachen von einer „geradezu als euphorisch zu bezeichnenden Stimmung“ bei den befragten Unternehmen. „Damit mehren sich die Signale dafür, dass die deutsche Konjunktur in diesem Jahr gut und möglicherweise auch viel besser laufen wird, als viele derzeit noch erwarten.“

Die Stimmung beflügelte den Euro-Kurs, nur die Börse ließ sich nicht beeindrucken – der Deutsche Aktienindex schloss leicht im Minus. Mit Blick auf die erwartete Zinserhöhung in den USA blieben die Händler vorsichtig. Die US-Notenbank erhöhte den Leitzins am späten Abend um 25 Basispunkte auf 4,75 Prozent. Der Leitzins erreichte damit das höchste Niveau seit April 2001. Der überraschende Anstieg des US-Verbrauchervertrauens auf den höchsten Stand seit fast vier Jahren löste am Dienstag weitere Zinsängste aus.

Auch in Europa steht die Zinspolitik im Zentrum des Interesses. Das Wachstum der Geldmenge und der Zuwachs bei Krediten an den privaten Sektor könnte auf eine Zinserhöhung auch der Europäischen Zentralbank (EZB) hindeuten. „Das alles weist darauf hin, dass Risiken für die Preisstabilität vorhanden sind, und das spricht für einen frühen Zinsschritt im Mai“, sagte Commerzbank-Analyst Michael Schubert.

Die üppige Ausstattung der Wirtschaft mit Geld ist einer der Gründe für den restriktiveren Kurs der EZB, die im Dezember die Zinswende eingeleitet hatte. Seither hat die Bank zwei Mal den Leitzins um je einen viertel Prozentpunkt auf derzeit 2,5 Prozent angehoben.

Bundesbank-Präsident Axel Weber gab gestern keinen Hinweis über die weitere Zinsentwicklung. Die Ifo-Daten deuteten auf eine sich verstärkende Konjunkturerholung und entsprächen damit der Erwartung der EZB, sagte Weber in Prag.

Auffällig an der Stimmung der Firmen ist, dass sich ihr Optimismus offenbar nicht nur auf den Export stützt, sondern zunehmend Branchen erfasst, die von der Binnennachfrage abhängen. Die Werte stiegen in allen vier untersuchten Branchen: Industrie, Bau, Groß- und Einzelhandel. Die neuen Bundesländer zeigten sich sogar noch etwas positiver gestimmt.

Auch die Elektronikindustrie hat einen deutlich positiven Ausblick. Die hohe Nachfrage nach Flachbildschirmen und DVD-Playern vor der Fußball-Weltmeisterschaft dürfte die Umsätze ankurbeln, erklärte der Zentralverband Elektrotechnik und Elektronikindustrie in Frankfurt am Main. Allein bei der Unterhaltungselektronik werde in diesem Jahr mit einem Umsatzplus von acht Prozent gerechnet.

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