Wirtschaft : Alles Gute kommt von Osten

Am Sonntag wählt Mecklenburg einen neuen Landtag – und hofft, dass der Aufschwung diesmal stattfindet

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Von Andreas Frost, Schwerin

Wo Mitte der 90er Jahre noch Trübsaal geblasen wurde, kreischen jetzt die Sägen. Mit Klausner Nordic Timber siedelte sich in Wismars Hafen vor vier Jahren eines der größten und angeblich modernsten Sägewerke Europas an. Inzwischen bildet Klausner zusammen mit einem Holzplatten-, einem Holzfertigbau- und einem Leimhersteller neben der traditionellen Werft einen neuen industriellen Kern in der Hansestadt. Ein willkommenes Vorzeigebeispiel für Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) im Wahlkampf – der diesen Sonntag entschieden wird.

Denn in Mecklenburg-Vorpommern wählen die 1,4 Millionen wahlberechtigten Bürger nicht nur einen neuen Bundestag, sondern auch einen neuen Landtag. Seit 1998 regiert hier eine rot-rote Koalition. Die PDS ist an der Küste das erste Mal an einer Landesregierung beteiligt worden. Und hat jetzt gute Chancen, wiedergewählt zu werden. Und das, obwohl die Wirtschaftssituation alles andere als rosig ist.

Der CDU-Spitzenkandidat Eckhardt Rehberg wirft der SPD/PDS-Landesregierung vor, das Land wirtschaftlich zum Stillstand gebracht zu haben. Drei in den vergangenen Jahren diskutierte Großinvestitionen seien am Land vorbeigegangen: der Transrapid von Hamburg via Schwerin nach Berlin, das BMW-Werk, das in Leipzig statt Schwerin gebaut wird, und der neue Airbus, der in Hamburg statt in Rostock entsteht. Ringstorff dagegen listet lieber Neuansiedlungen in Rostock, Teterow, Greifswald oder Neubrandenburg auf.

Unumstritten sind folgende Zahlen: Im vergangenen Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Mecklenburg-Vorpommerns um 0,8 Prozent. Im ersten Halbjahr 2002 stieg es mit einem Spitzenwert für die neuen Länder um 0,9 Prozent, so jüngste Angaben aus dem Schweriner Wirtschaftsministerium.

Zum deutschen BIP trug das nordöstlichste Bundesland gerade einmal 1,4 Prozent bei. Die Exportquote liegt bei knapp über zwei Prozent. Ringstorff verweist auf das Wachstum des verarbeitenden Gewerbes von 6,6 Prozent im ersten Halbjahr 2002, was aber den Einbruch der Baubranche nicht wettmachen kann. Vor allem dem Schiffbau ist der Schub im verarbeitenden Gewerbe zu verdanken. Die Arbeitslosenquote war im August 2002 mit 17,9 Prozent so hoch wie zum Ende der vergangenen Legislaturperiode. Mit 731 000 Erwerbstätigen (bei 1,76 Millionen Einwohnern) gab es im vergangenen Jahr 21 000 Arbeitsplätze weniger als 2001. Es gibt nur eine Handvoll Betriebe mit mehr als 1000 Beschäftigten.

Nach wie vor lebt das Land von seinen Werften in Wismar, Rostock, Stralsund und Wolgast. Einen Boom erlebt auch der Tourismus. Zwischen Januar und Juli 2002 lag die Zahl der statistisch erfassten Übernachtungen um 8,8 Prozent höher als im Vorjahr. Auch die Landwirtschaft trägt überdurchschnittlich zum Wirtschaftswachstum des Landes bei. Die Chancen auf die Ansiedlung eines Großunternehmens und damit auf zahlreiche neue Arbeitsplätze schätzen die Wirtschaftsexperten aller Parteien jedoch skeptisch ein.

Trotz der schwierigen Lage haben Rehberg und Ringstorff die Hoffnung auf Besserung aber noch nicht aufgegeben. Sie setzten auf die Ostsee-Autobahn A 20, die ab 2005 von Hamburg nach Stettin führen soll – quer durchs Mecklenburg.

Auch vom „Biocon Valley“, einem Zusammenschluss von Bio- und Medizintechnologie-Firmen, verspricht sich die rot-rote Regierung viel. Schon jetzt arbeiten dort 1500 Menschen. Es sollen noch viel mehr werden: Die Experten versprechen sich von einem weiteren Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft einen Wachstumsschub. Die beiden Universitäten des Landes in Rostock und Greifswald wurden kürzlich bei einem deutschlandweiten Ranking auf Platz zwei gesetzt. Chancen sehen die Politiker auch in der Osterweiterung der Europäischen Union. Denn von einer offenen Grenze zu Polen versprechen sich die Schweriner nicht nur neue Märkte für Handwerker und Mittelständler, sondern auch neue Arbeitsplätze.

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