Wirtschaft : Alles nur gefühlt

Seit Einführung des Euro wurde nicht alles teurer, sondern vieles billiger

Alexander Visser

Der Streit läuft seit zweieinhalb Jahren nach dem gleichen Muster ab. „Der Euro hat alles teurer gemacht“, glauben viele Konsumenten. „Quatsch. Die Euro-Einführung hat die Teuerungsrate kaum verändert“, halten die Statistiker dagegen. „Dann misst die Statistik falsch“, erwidern die Euro-Skeptiker. Jetzt haben die Statistiker neue Zahlen vorgelegt: Der Preisanstieg seit der Einführung des Euro-Bargelds Anfang 2002 war geringer als in den zweieinhalb Jahren davor, teilte das Statistische Bundesamt am Dienstag mit. Seit Bestehen der Eurozone stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland um 3,3 Prozent. In den zweieinhalb Jahren vor der Währungsumstellung waren sie um 4,3 Prozent angestiegen. Doch die nackten Zahlen werden jene nicht umstimmen können, für die der Euro ein Teuro ist. Ein kleines bisschen gibt ihnen die Statistik sogar Recht. Denn einige Preise stiegen mit der Euro-Einführung deutlich an, vor allem für Dienstleistungen. Die Behörde betont: „Diese Preisschübe wurden bei einigen Dienstleistungen bis heute nicht durch geringere Preiserhöhungen kompensiert.“ Beim Italiener zahlen Gäste heute 4,1 Prozent mehr für die Pizza als Anfang 2002, die Autowäsche ist sogar 6,4 Prozent teurer. Auch einige Lebensmittel kosten mehr. Für Frühstücksmarmelade und Pausenschokolade zahlen Schleckermäuler heute im Schnitt 6,1 Prozent mehr.

Mit diesen Preis-Ausreißern erklären Psychologen einen Teil des Teuro-Phänomens. „Es gehört zu den psychologischen Konstanten, dass wir negative Abweichungen von der Norm eher wahrnehmen und stärker gewichten als positive Ausnahmen“, sagt Wirtschaftspsychologe Guido Kiell vom Marktforschungsinstitut Psychonomics. Wir ärgern uns mehr über Preiserhöhungen, als wir uns über Preissenkungen freuen. Anfang 2002 fielen die hohen Preise für Obst und Gemüse auf. Doch die waren nicht auf den Euro, sondern auf das kalte Wetter in Südeuropa zurückzuführen und haben sich seitdem längst normalisiert.

Die gefühlte Inflation hat aber auch mit der Zusammensetzung des statistischen Warenkorbes zu tun. An dieser repräsentativen Einkaufsliste messen Statistiker den Preisanstieg. Darin sind auch Mieten und langfristige Anschaffungen wie Autos, Kühlschränke oder Computer enthalten. Da die Preise für diese großen Haushaltsposten stabil geblieben oder gesunken sind, fällt der Anstieg in anderen Bereichen kaum ins Gewicht. „Die gestiegenen Preise im Restaurant oder in der Kneipe bekomme ich aber häufiger zu spüren“, sagt Dirk Ziems, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts IFM. „Daher rührt das Inflationsgefühl.“

Anders als 2002 sei die gefühlte Inflation jetzt aber keine Konsumbremse mehr. Die aktuelle Kaufzurückhaltung der Deutschen gehe auf die Debatte um Sozialreformen und damit verbundene Einschnitte zurück. Allerdings hat Marktforscher Ziems erste Anzeichen für einen Stimmungswandel ausgemacht: „Die Deutschen haben keine Lust mehr, immer nur billig beim Discounter einzukaufen. Sie wollen sich mal wieder etwas Luxus gönnen.“ Ob sie dafür auch wieder verstärkt Euros ausgeben werden, kann aber auch der Trendforscher nicht sagen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben