Wirtschaft : Allfinanz: ING dient als Vorbild

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"Es ist prima, dass so ein Riese wie die Allianz mit der Übernahme der Dresdner Bank den Weg einschlägt, den wir vor zehn Jahren genommen haben", kommentierte Ewald Kist, Vorstandschef der Amsterdamer ING Groep N.V., die Allfinanz-Strategie des Münchener Versicherungskonzerns in einem Gespräch mit dem Handelsblatt. Er begrüßte, dass der von seinem Unternehmen schon seit längerem verfolgte Weg nun endlich auch in Deutschland Nachahmer finde. Während der nun beginnenden Konsolidierung auf dem deutschen und dem europäischen Markt bleibe er mit allen im Gespräch, sagte er. "Eines Tages gibt es vielleicht ein Allfinanzpartner, mit dem eine grenzüberschreitende und gleichgewichtige Fusion möglich ist", sagte Kist. ING sei als drittgrößtes europäisches Finanzinstitut gemessen am Börsenwert von 73 Milliarden Euro allerdings nicht auf noch mehr Größe angewiesen, betonte Kist. Ein Zusammenschluss müsse deutliche Vorteile bringen, um die Nachteile der großen Kulturunterschiede in Europa auszugleichen.

Von der Expansion der Allianz fühlt sich Kist nicht bedroht. "Die Welt ist groß genug. Wir waren nie Konkurrenten und sind uns auch bei den US-Übernahmen nicht in die Quere gekommen", sagte er und fügte hinzu, "wir haben zudem einen netten Vorsprung im Allfinanzgeschäft und nutzen ihn für den Ausbau unserer deutschen Aktivitäten." ING integiert derzeit die 1999 erworbene BHF-Bank und hält 49 Prozent an der Allgemeinen Deutschen Direktbank (Diba). Kist verhandelt über eine Mehrheitsbeteiligung an der Diba, mit deren Geschäft er "überaus zufrieden" ist. Er will ihr den eigenen Markennamen ING Direkt geben. "Ob und wann es dazu kommt, ist aber noch unsicher." Zwischenlösung könnte das Umtaufen in ING Diba sein. Die Beteiligunggesellschaft der Gewerkschaften BGAG hält 51 Prozent an Diba. Allianz und Dresdner seien in den nächsten drei bis vier Jahren mit sich beschäftigt, da die kulturelle Integration zwischen Bank- und Versicherungsmenschen mühsam sei, meinte Kist. "Man fällt immer wieder auf die Nase und muss erneut aufstehen." Vielleicht gelinge es den Deutschen rascher, da sie von den Erfahrungen des Pioniers profitieren könnten. Jedoch sei erschwerend, dass der Zusammenschluss anders als bei ING nicht auf Basis von Gleichwertigkeit geschehe. "In der Praxis ist Allfinanz viel schwieriger als man denkt", sagte Kist. Andererseits gebe es mehr Synergievorteile als gemeinhin angenommen. Selbst nach zehn Jahren seien noch Möglichkeiten zu entdecken, sagte er in Anspielung auf die jüngste Umstrukturierung bei ING. Die Zusammenfügung von Corporate und Investmentbanking soll deren Kosten um jährlich 500 Millionen Euro senken. Kist hob die Messlatte höher: Durch die Ausschöpfung aller Synergien und eine höhere Effizienz in Europa soll der Konzerngewinn ab diesem Jahr aus eigener Kraft um wenigstens zwölf Prozent statt bisher zehn Prozent steigen. ING verlangt von allen Betrieben Dreijahres-Pläne. Die Töchter werden jährlich auf Herz und Nieren geprüft. "Wer die Vorgaben nicht erfüllt, muss die Pläne anpassen oder wird notfalls wie ING Barings USA verkauft." Sobald aber die amerikanischen Übernahmen von Aetna und ReliaStar verdaut seien, werde ING die im vergangenen Jahr erreichte Position des zehntgrößten Versicherers und Vermögensverwalters der USA durch Zukäufe verteidigen, kündigte Kist an. In etwa zwei Jahren werde ING überdies die Option auf die Mehrheitsbeteiligung an dem größten mexikanischen Versicherer Seguros Comercial América ausüben. Zur Zeit hält ING 41 Prozent. Kist peilt jedoch jetzt schon einige kleinere Übernahmen an. Dafür hat er 2001 rund drei Milliarden Euro bereitstehen. "Für nahezu alle Länder Europas habe ich eine Wunschliste. Insbesondere in Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind wir noch nicht komplett." Ost- und Südeuropa seien ebenso Wachstumsregionen wie die USA, Kanada, Asien und Südamerika.

ING, deren Aktionäre inzwischen zu 75 Prozent aus dem Ausland stammen, will zudem den Auslandsanteil am Ergebnis von 40 Prozent ausbauen. Kist ist auf Zukäufe angewiesen, denn: "Das Benelux-Geschäft läuft so gut, dass es für das Ausland nicht einfach ist, aus eigener Kraft besser abzuschneiden." Zur Zeit läuft eine Offerte für die polnische Bank Slaski (55 Prozent), die ING bis Mitte Mai ganz erwerben will. Kist denkt aber auch an Minderheitsbeteiligungen und Distributionspartnerschaften mit Banken, Internetanbietern oder anderen Branchen. Als Beispiel nannte er die Kooperation des Versicherers Aegon mit der zum Einzelhandelskonzern Ahold gehörenden Kette Albert Hein (AH). Deren Kunden können Rabatte, Pfand und ähnliches auf ihrer AH-Bonuskarte gegen Verzinsung ansparen.

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