Wirtschaft : Allgemeiner Wirtschaftsdienst: Finanzdienstleister mit großen Ambitionen

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Der Finanzdienstleister Allgemeiner Wirtschaftsdienst (AWD) kommt zu einem Preis von 54 bis 62 Euro je Aktie an die Börse. Diese Preisspanne gab Vorstandschef Carsten Maschmeyer am Mittwoch in Frankfurt (Main) bekannt. Bis zum 13. Oktober können Anleger die AWD-Aktie zeichnen. Insgesamt bringt das Unternehmen aus einer Kapitalerhöhung 9,9 Millionen Aktien an die Börse. Dadurch fließen AWD zwischen 535 und 614 Millionen Euro (1,05 bis 1,2 Milliarden Mark) zu. Mit dem Geld will das Unternehmen die Beratungsqualität weiter steigern, den Internet-Auftritt ausbauen und die Präsenz in Europa durch Akquisitionen ausdehnen. Nach Ansicht der Deutschen Bank, die gemeinsam mit Morgan Stanley Dean Witter das Emissionskonsortium führt, ist AWD ein "besonders vielversprechender Kandidat für das Börsenparkett". Im vorbörslichen Handel wird das Papier derzeit zwischen 73 und 77 Euro gehandelt.

Am 16. Oktober wird der endgültige Emissionspreis bekanntgegeben, am 17. Oktober wird die AWD-Aktie das erste Mal im amtlichen Handel der Börsen Frankfurt und Hannover gehandelt. Bis zu 26,2 Prozent der Anteile sind nach dem Börsengang breit gestreut, knapp 21 Prozent werden dann die Mitarbeiter halten. Firmengründer Maschmeyer und seine Familie reduzieren ihre Beteiligung zwar von bislang 72,2 auf 53,2 Prozent, weil sie an der Kapitalerhöhung nicht teilnehmen. Aber der Vorstandsvorsitzende hat auch damit weiter eindeutig das Sagen bei AWD. Für 2001 wurde ein Aktienoptionsprogramm für die Beschäftigten angekündigt. Laut Maschmeyer ist die AWD-Aktie nicht nur wegen der Wachstums- und Ertragsaussichten ein lohnendes Investment, sondern auch wegen der Unabhängigkeit des Unternehmens. Keiner der rund 200 Produktpartner aus dem Banken-, Versicherungs- und Fondsbereich werde nach dem Börsengang ein wesentliches Aktienpaket halten. Zudem sei das Risiko bei AWD begrenzt, weil keine eigenen Produkte aufgelegt würden.

Nachdem das Unternehmen 1999 seinen Umsatz um 32,7 Prozent auf 531 Millionen Mark und den Gewinn vor Steuern sogar um 54,5 Prozent auf 47,6 Millionen Mark steigern konnte, ging das Wachstum im ersten Halbjahr 2000 noch rasanter weiter. Der Umsatz kletterte um 37 Prozent auf 302 Millionen Mark, der Vorsteuergewinn sogar um 173 Prozent auf 24 Millionen. "Auch im gesamten Jahr 2000 werden wir sehr solide zweistellig wachsen", sagte Finanzchef Ralf Brammer. Ende 1999 zählte AWD knapp 290 000 Kunden. Das Potenzial, auf das AWD zielt - Haushalte mit mittlerem und gehobenem Einkommen - liegt in Deutschland bei zwölf Millionen.

Der AWD sieht sich als "Qualitätsmarke für die private Geld-, Vermögens- und Vorsorgeplanung". Die insgesamt rund 6000 Vertriebsmitarbeiter werden auf Provisionsbasis bezahlt, anders als bei üblichen Strukturvertrieben basiert die Organisation aber nicht auf der Anwerbung neuer Berater durch die bereits gewonnenen Mitarbeiter (Schneeballprinzip). Maschmeyer wehrt sich seit langem gegen die Bezeichnungen Strukturvertrieb oder Drückerkolonne und legt nach eigenem Bekunden großen Wert auf Seriosität und gute Ausbildung der Mitarbeiter. Begleitet wird der Börsengang von einem Rechtsstreit. Die Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG) in Frankfurt hat am Montag abend gegen AWD eine einstweilige Verfügung erwirkt. Grund: AWD werbe im Zusammenhang mit dem Börsengang mit den unwahren Slogans vom "Marktführer" und von "Europas größtem unabhängigen Finanzdienstleister". Unter Androhung eines Ordnungsgeldes von bis zu 500 000 Mark darf AWD dies nicht mehr behaupten. Die Slogans seien wettbewerbsrechtlich irreführend und damit unzulässig, so die DVAG. Die DVAG sei weltweit der größte eigenständige Finanzvertrieb. Maschmeyer erklärte dazu dem Tagesspiegel, man werde die Gerichtsentscheidung prüfen und dann dazu Stellung nehmen. Vorerst wird die Formulierung "eines der größten unabhängigen Finanzdienstleistungsunternehmen in Europa" verwendet.

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