Allianz-Chef Zimmerer : "Griechenland nicht fallen lassen"

Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz Lebensversicherung, spricht im Interview über Krise, Zinsen und Policen.

Maximilian Zimmerer.
Maximilian Zimmerer.Foto: Andy Ridder

Herr Zimmerer, wie viel Geld Ihrer Versicherten steckt in Griechenland, Irland oder Portugal?

Portugiesische und irische Staatsanleihen haben wir gar nicht, und unser Engagement in Griechenland ist marginal. Seit Ausbruch der Krise haben wir hier auch nichts Neues mehr gekauft. Wenn man Spanien noch dazunimmt, um das ich mir aber keine Sorgen mache, haben wir knapp 300 Millionen Euro in Staatsanleihen der sogenannten PIGS-Länder investiert. Das sind lediglich 0,2 Prozent unserer Kapitalanlagen.

Was fürchten Sie als großer Anleger am meisten an der Griechenlandkrise?

Man sollte Griechenland auf gar keinen Fall fallen lassen. Das würde das Land nicht verkraften. Außerdem würden auch noch andere in den Abgrund gerissen, etwa die griechischen Banken oder andere, die diesen Geld geliehen haben. Griechenland muss aber alles unternehmen, seine Staatsfinanzen zu sanieren. Dazu gehört der Verkauf von Immobilien und Staatsunternehmen, aber auch die Senkung staatlicher Leistungen, etwa in der Sozialversicherung.

Sind Privatanleger, die griechische Bonds kaufen, blauäugig, wenn sie erwarten, hohe Zinsen und eine vollständige Rückzahlung ihres Kapitals zu bekommen?

Wenn jemand eine griechische Anleihe statt für 100 zu einem Kurs von 60 oder 70 kauft oder mit zweistelligen Zinsen, ist er bereit, Risiken einzugehen. Dann sollte er auch in Kauf nehmen, dass die Anleihe später zurückbezahlt wird oder der Zins nach unten angepasst wird. Europa wird zu entscheiden haben, in welchem Umfang die Gläubiger einen Beitrag zur Rettung Griechenlands zu leisten haben.

Anderes Thema: Wer 30 Jahre lang jährlich 1200 Euro in eine Allianz-Lebensversicherung eingezahlt hat, bekäme heute knapp 90 000 Euro ausgezahlt. Wer 2011 eine Police abschließt, kann in 30 Jahren nur mit 65 000 Euro rechnen. Warum?

Auf die 65 000 Euro kommt man, indem man unsere aktuelle Überschussbeteiligung einfach auf 30 Jahre hochrechnet. Dass die alten Verträge höhere Ablaufleistungen haben, liegt daran, dass die Zinsen an den Kapitalmärkten infolge einer höheren Inflation früher deutlich höher waren. Daher konnten wir unseren Kunden Überschussbeteiligungen von sieben oder acht Prozent zahlen. Heute sind es 4,7 Prozent.

Im nächsten Jahr wird die Garantieverzinsung, also das, was alle Versicherungskunden mindestens bekommen, von 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent gesenkt. Wer schließt dann noch Lebensversicherungen ab?

Sie müssen das Umfeld sehen. Die aktuelle Überschussbeteiligung von deutlich mehr als vier Prozent ist im Vergleich zu den Marktzinsen attraktiv. Bundesanleihen bringen zur Zeit nur 3,2 Prozent. Das ändert aber nichts daran, dass ich die Entscheidung des Finanzministeriums, die Garantiezinsen für Neuverträge abzusenken, aus heutiger Sicht für falsch halte.

Warum?

Die Entscheidung ist Mitte August vergangenen Jahres vorbereitet worden, als wir den tiefsten Zins aller Zeiten hatten. Damals brachten Bundesanleihen gerade einmal zwei Prozent. Die Entscheidung ist aber erst später, im Februar 2011, verkündet worden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Zinsen schon wieder deutlich gestiegen. Wir haben in den ersten vier Monaten dieses Jahres mit unseren Neuanlagen 4,4 Prozent Rendite erzielt.

Wie machen Sie das?

Wir investieren nicht nur in Bundesanleihen, sondern auch in Pfandbriefe, Unternehmensanleihen oder in erneuerbare Energien. Bei Aktien sind wir vorsichtig. Unsere Aktienquote liegt gerade einmal bei neun Prozent.

Die Zinsen an den Kapitalmärkten steigen wieder. Hoffen Sie, dass Finanzminister Schäuble die bereits beschlossene Senkung des Garantiezinses zurücknimmt?

Ich würde mir das wünschen. Versicherer in Deutschland haben durch die Zinssenkung enorme Wettbewerbsnachteile gegenüber Versicherern an anderen europäischen Standorten. Luxemburg wollte eigentlich auch den Garantiezins auf 1,75 Prozent senken, lässt das jetzt aber. Dies könnte deutsche Versicherer dazu bewegen, ihr Geschäft von Luxemburg aus zu betreiben – wer das tut, kann weiter 2,25 Prozent garantieren.

Und: Wird die Allianz künftig ihre Versicherungen von Luxemburg aus verkaufen?

So weit sind wir noch nicht. Wenn andere Versicherer aus Luxemburg mit höheren Garantiezinsen auf den deutschen Markt drängen, kann ich Ihre Frage beantworten. Ein anderes Thema ist das Unisex-Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Das Urteil könnte dazu führen, dass eine Differenzierung der Versicherungsbeiträge nach dem Geschlecht ab 2013 im Neugeschäft nicht mehr zulässig ist. Dies könnte bedeuten, dass die Versicherungsunternehmen innerhalb eines Jahres die Neugeschäftstarife gleich zweimal überarbeiten müssen. Dies, aber auch Solvency II, spricht dafür, die Zinsentwicklung abzuwarten und den Garantiezins zumindest für 2012 unverändert zu lassen.

Mit Solvency II meinen Sie die neuen Aufsichtsregeln, die die EU für Versicherer erarbeitet. Was ändert sich dadurch?

Solvency II soll ab dem 1. Januar 2013 eingeführt werden. Dann treten die europäischen Regeln zum Höchstrechnungszins außer Kraft. Ich frage Sie: Wäre es im Hinblick darauf nicht sinnvoll, statt den bestehenden Höchstrechnungszins bereits zu Beginn des nächsten Jahres zu senken, über künftige Garantiemodelle unter Solvency II nachzudenken?

Ist das deutsche Modell ab 2013 tot?

Nein. Ich gehe davon aus, dass wir auch dann unseren Kunden lebenslange Garantien anbieten können. Wenn es auf europäischer Ebene keine Vorgabe mehr für einen Höchstrechnungszins gibt, kann jedes Land selbst entscheiden, ob es nationale Regelungen zu Garantiezinsen, zum Beispiel auch gestaffelt nach Laufzeit der Garantien erlassen möchte.

Wird es künftig andere Merkmale als das Geschlecht geben, an denen sich die Versicherungsprämie orientiert? Etwa die Frage, ob jemand in der Stadt oder auf dem Land lebt, raucht oder Fallschirm springt?

Und was machen wir, wenn derjenige umzieht, das Rauchen aufgibt und statt Fallschirm springen Nordic Walking macht? Wir bieten Verträge mit Laufzeiten von 30 Jahren und länger. Wir brauchen belastbare Merkmale für eine Differenzierung.

Das Interview führte Heike Jahberg.

ZUR PERSON

DER CHEF

Maximilian Zimmerer (52) ist seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Allianz Lebensversicherungs-AG. Zugleich sitzt er im Vorstand der Allianz, dem weltgrößten Versicherungskonzern. Der promovierte Jurist ist seit 1988 für das Unternehmen tätig. Seit einem Jahr leitet er auch die Allianz Private Krankenversicherungs-AG.

DER KONZERN

Mit Kapitalanlagen von gut 209 Milliarden Euro gehört die Allianz Deutschland zu den größten institutionellen Anlegern hierzulande.

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