Allianz-Chef Zimmerer : "Kein deutscher Versicherer braucht die Hilfe des Staates"

Maximilian Zimmerer, Chef der Allianz-Lebensversicherung, über die Finanzkrise, kollabierende Aktienmärkte und die Sicherheit von Versicherungen.

240802_0_9aace397.jpeg
Maximilian Zimmerer glaubt, dass die Aktienkurse noch weiter sinken werden. Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Zimmerer, einige Banken haben bereits die Hilfe des Staates in Anspruch genommen, um die Finanzkrise zu überstehen. Wann hält der erste Versicherer die Hand auf?



Es gibt überhaupt keine Anzeichen dafür, dass ein Versicherer in Deutschland von dem staatlichen Rettungspaket Gebrauch machen wird. Das Paket ist zwar bewusst so geschneidert, dass es auch für Versicherungen und Fondsgesellschaften gilt, aber das hat nur den Zweck, den Menschen zusätzliche Sicherheit zu geben – sie zu beruhigen, falls sie sich Sorgen wegen ihrer Versicherung machen. Ich gehe nicht davon aus, dass ein Versicherer in Deutschland die Hilfe des Staates braucht.

Lässt Sie die Finanzkrise kalt?

Nein, auch wir spüren die Krise. Wir müssen ja die Gelder unserer Kunden anlegen. Wir kaufen und verkaufen Staatsanleihen, Pfandbriefe, Unternehmensanleihen und Aktien. Die Verwerfungen an den Kapitalmärkten lassen uns daher keineswegs kalt.

Haben Sie isländische Staatsanleihen?

Nein, die Allianz Leben hat überhaupt keine isländischen Staatsanleihen in ihrem Portfolio. Allerdings haben wir Lehman- und AIG-Papiere, wenn auch nur in geringem Umfang. Immerhin hatten beide Unternehmen gute Ratings. Vielleicht ist das die Besonderheit dieser Krise. Unternehmen, die vorher ein „A“-Rating hatten …

… also eine gute Bewertung durch die Ratingagenturen …

… waren von einem Tag auf den anderen pleite beziehungsweise mussten durch den Staat aufgefangen werden. Das ist einer der Gründe, warum sich die Finanzkrise zu einer solchen Vertrauenskrise ausgewachsen hat.

Wie wichtig ist es für die Versicherer, dass der Staat die Banken stützt?

Dass die Banken gestützt werden, ist für uns aus zwei Gründen wichtig. Die deutschen Versicherer sind ganz wesentlich bei deutschen Banken engagiert, und zwar vor allem in als mündelsicher geltenden Pfandbriefen. Diese galten und gelten als sichere Kapitalanlagen. Die Banken sind aber auch wichtig, damit die Kapitalmärkte funktionieren. Im Moment ist das nicht der Fall. Das hat erhebliche Konsequenzen: Zur Zeit gehören Aktien zu den wenigen Anlagen, die man überhaupt irgendwie verkaufen kann.

Wie viele Aktien haben Sie noch?

Anfang 2008 waren es noch 18,8 Prozent, vor Beginn der Krise – also Mitte 2007 – sogar 22 Prozent. Wir haben in großem Umfang Aktien verkauft, und zwar zu einem deutlich höheren Kurs als heute. Jetzt sind wir noch bei sieben Prozent, wenn man nur die börsennotierten Unternehmen nimmt. Rechnet man weitere Firmenbeteiligungen außerhalb der Börse hinzu, sind es rund zehn Prozent. Damit dürften wir in der Branche einen Spitzenplatz einnehmen.

Aktien sind jetzt billig. Kaufen Sie wieder?


Nein, derzeit nicht. Ich glaube nicht, dass wir die tiefsten Stände bereits gesehen haben. Die Märkte sind noch sehr wackelig.

Ihre Kapitalanlagen von rund 130 Milliarden Euro stecken zum Großteil in Staatspapieren und Pfandbriefen. Sind Sie überhaupt noch flüssig?

Der Vorteil der Lebensversicherer ist, dass wir keinen laufenden Liquiditätsbedarf haben. Die laufenden Beitragseinnahmen und das Neugeschäft decken üblicherweise die Auszahlungen. Wenn wir ausnahmsweise wirklich Liquidität bräuchten, könnten wir Staatsanleihen verkaufen. Dort findet nach wie vor ein reger Handel statt.

Was kann die Politik tun, um die Kapitalmärkte zur Ruhe zu bringen?

Der Finanzgipfel in Washington ist den richtigen Vorschlägen der Bundesregierung gefolgt, und zwar die Transparenz der Märkte zu erhöhen und die Kontrolle zu verbessern. Hierzu gehört die Beaufsichtigung von Hedgefonds und dass riskante Finanzgeschäfte, die außerhalb der Bankbilanzen gelaufen sind, in den Bilanzen auftauchen müssen. In den USA sind die Investmentbanken bis vor kurzem so gut wie gar nicht kontrolliert worden, das ist jetzt vorbei. Außerdem müssen die Aufsichtsbehörden weltweit besser zusammenarbeiten. Aber bisher will keine nationale Behörde auf Kompetenzen verzichten.

Die deutsche Finanzaufsicht Bafin fragt die Versicherer, wie sehr sie von der Finanzkrise betroffen sind. Ist das nicht ein bisschen blauäugig?

Die Bafin macht das Richtige. Sie lässt sich laufend aus den Unternehmen berichten. Stresstests, bei denen untersucht wird, ob die Versicherer weitere Einbußen an den Kapitalmärkten verkraften können, wurden früher nur einmal im Quartal durchgeführt, heute geschieht das in kürzeren Abständen. Wer beim Stresstest durchfällt, muss der Aufsicht Rede und Antwort stehen, wie die Risiken begrenzt werden können.

Für das laufende Jahr haben Sie Ihren Kunden eine Gesamtverzinsung von 5,4 Prozent versprochen. Wird die Gewinnbeteiligung im nächsten Jahr sinken?

Der Rechnungszins von 2,25 Prozent ist in jedem Fall sicher. Wie hoch die laufende Überschussbeteiligung sein wird, die noch zum Rechnungszins hinzu kommt, hängt davon ab, welches Zinsniveau die Versicherer dauerhaft erwarten.

Die Zinsen sinken, das bedeutet für die Kunden nichts Gutes.

Wir befinden uns in einer Rezession. Die Zinsen sind bereits stark nach unten gegangen, und die Europäische Zentralbank wird die Zinsen weiter senken. Würden wir davon ausgehen, dass das dauerhaft so bleibt, könnten die laufenden Überschussbeteiligungen für die Zukunft gesenkt werden.

Aber Sie tun das nicht?

Die hohe Liquidität, die wir jetzt schon auf den Märkten haben, wird zu Inflationsgefahren führen. Das könnte mittelfristig zu steigenden Zinsen führen. Dies gilt es abzuwägen. Wie hoch die Gewinnbeteiligung 2009 ausfällt, entscheiden wir so kurzfristig wie möglich, um auf die aktuellen Marktentwicklungen reagieren zu können – also erst im Dezember.

Haben Ihre Kunden als Folge der Krise Geld verloren?


Bei der traditionellen Lebensversicherung geht das ja gar nicht. Das angesparte Geld wird zwangsläufig jedes Jahr mehr. Manchmal wird es etwas weniger mehr als im Vorjahr, aber es wird immer mehr.

Allerdings dürften viele Kunden trotzdem enttäuscht sein, weil der tatsächliche Zuwachs hinter den Prognosen bei Vertragsabschluss zurückbleibt.


Bei Vertragsschluss rechnen wir aus, wie sich der Vertrag entwickeln würde, wenn die Gewinnbeteiligung während der gesamten Laufzeit unverändert bliebe beziehungsweise wenn die Verzinsung um einen Prozentpunkt sinkt oder steigt. Dies ist eine Beispielrechnung, kein Versprechen.

Wer eine fondsgebundene Lebensversicherung abgeschlossen hat, die jetzt ausläuft, muss mit empfindlichen Verlusten rechnen. Und die sind keine Rechenbeispiele, sondern echt.

Eines vorab: Auch bei Fonds ist das Geld sicher. Die Anleger sind vor einer Pleite der Fondsgesellschaft geschützt, das ist anders als etwa bei Zertifikaten. Sie haben aber recht: Wer nur in Aktienfonds investiert ist, erlebt die Kursschwankungen der Aktie eins zu eins in seinem Portfolio. Allerdings ist die fondsgebundene Lebensversicherung ein relativ neues Produkt, die Verträge laufen also noch eine ganze Weile.

Es sei denn, der Kunde kündigt.

Ja, aber das ist nicht sinnvoll, denn Kunden sollten bei der Altersvorsorge einen langfristigen Anlagehorizont haben. Hinzu kommt: Fast alle Verträge sind gegen laufende Beiträge abgeschlossen worden. Das heißt, für sein Geld erhält man jetzt auch mehr Fondsanteile. Und außerdem raten wir allen Kunden, in den letzten Jahren von Aktien in Renten umzuschichten. Und noch eines kommt hinzu: Die Hälfte aller Versicherungen sind mit einer Beitragsgarantie abgeschlossen worden. Das betrifft etwa alle Riester-Verträge.

Läuft die Riester-Rente immer noch so gut wie im letzten Jahr?

Der Riester-Bestand steigt, das Riester-Neugeschäft ist – sowohl in der Lebensversicherung als auch in der Fondsbranche – in diesem Jahr rückläufig. Wir hatten offensichtlich den Höhepunkt im letzten Jahr. Das liegt an der zunehmenden Durchdringung. Inzwischen haben zwölf Millionen Bürger Riesterverträge abgeschlossen, da kann nicht jedes Jahr die Zahl der Neuabschlüsse steigen.

Das Interview führte Heike Jahberg


DER CHEF
Maximilian Zimmerer (50) ist seit 2006 Vorstandsvorsitzender der Allianz Lebensversicherungs-AG. Dem Allianz-Konzern gehört der promovierte Jurist seit 1988 an. Zimmerer ist verheiratet und hat drei Kinder. Er spielt gern Schach und joggt.

DIE GESELLSCHAFT
Die Allianz Leben ist Deutschlands größte Lebensversicherung mit 8,5 Millionen Versicherten und 11,4 Millionen Verträgen. Auch an den Kapitalmärkten ist sie eine Größe: Die Kapitalanlagen der Allianz liegen bei 130 Milliarden Euro. Jeden Tag müssen rund 100 Millionen Euro neu anlegt werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben