Wirtschaft : Allianz: Die Versicherung läutet das Ende der Deutschland AG ein

Karin Birk

Die Allianz hat mit ihrer geplanten Übernahme der Dresdner Bank nicht nur einen Überraschungscoup in der Finanzwelt gelandet, sie gibt damit auch den Startschuss für die Entflechtung der so genannten Deutschland AG. Denn im Zuge der Übernahme der Dresdner Bank kommt Bewegung in das eng verwobene, Jahrzehnte alte Netz wechselseitiger Beteiligungen unter Banken, Versicherungen und Industrieunternehmen. Und dieser Schritt ist dringend nötig. "Dass auf dem Spielfeld der Banken- und Versicherungen in Deutschland endlich aufgeräumt wird, ist äußerst positiv", sagt Christian Klasen von der ABN Amro Bank in Frankfurt am Main. Er ist für institutionelle Anleger zuständig und weiß, dass seinen Kunden seit Jahren die unzähligen wechselseitigen Beteiligungen und die personelle Verquickung unter deutschen Großkonzernen ein Dorn im Auge sind.

Denn Großanleger wie britische oder US-Pensionsfonds wollen ihr Geld dort anlegen, wo es am meisten Rendite bringt. In Unternehmen, in denen das Management effektiv kontrolliert wird. In Konzernen, in denen ein Aufsichtrat nicht befangen ist, weil der Vorstand, den er zu kontrollieren hat, wiederum in seinem eigenen Unternehmen dem Aufsichtsrat angehört, dessen Vorstandsvorsitzender er ist. Und sie wollen sich an Unternehmen beteiligen, die sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren.

Die Pläne der Allianz, durch die Eingliederung der Dresdner Bank einen großen Allfinanzkonzern zu schaffen, stoßen bei internationalen Anlegern auf immer mehr Zustimmung. Denn die Allianz will als internationaler Finanzdienstleister aus einer Hand Versicherungen, Fonds und Altersvorsorgeprodukte anbieten. Und sie will sich, um das Geschäft zu finanzieren, von ihren zahlreichen Beteiligungen trennen. So wird sie nicht nur Dresdner-Bank-Aktionären einen Aktientausch plus Barabfindung anbieten. Sie wird auch das Dresdner-Bank-Aktienpaket der Münchener Rück übernehmen und im Gegenzug der Rückversicherung ihre Aktien der Hypo-Vereinsbank (HBV) anbieten. Damit ist der erste Schritt zum Umbau der deutschen Finanzbranche getan.

Als globaler Finanzdienstleister wird die Allianz sicher auch ihr Portfolio in Deutschland genauer unter die Lupe nehmen: Beteiligungen von 38 Prozent an Beiersdorf oder 18 Prozent an MAN - um nur zwei Beispiele zu nennen - könnten dann deutlich verringert werden. Gesprochen wird sicher auch über die Industriebeteiligung der Dresdner Bank, etwa an Bilfinger und Berger, Heidelberger Zement oder Karstadt.

Beschleunigt wird dieser Prozess der Entflechtung durch die Steuerreform. Denn sie ermöglicht Kapitalgesellschaften vom nächsten Jahr an, Beteiligungen steuerfrei zu veräußern. Und wer es geschickt anstellt, kann sich diese Vorteile schon heute sichern. Modelle dafür gibt es genug: "Entscheidend dabei ist nur, dass die Übertragung der Aktien auf einen späteren Zeitpunkt verlagert wird", sagt Dirk Lehmann, Steuerberater in der Berliner Kanzlei Wagemann & Partner. Das Geld für den Verkauf kann aber durchaus schon früher fließen. Wenn also die Allianz heute ein Aktienpaket verkaufen will, so kann sie eine Anleihe ausgeben. Sie bekommt dafür sofort das gewünschte Geld und verpflichtet sich, die Anleihe zu einem späteren Zeitpunkt in das ausgehandelte Aktienpaket umzutauschen. Allerdings müssen solche Geschäfte mit der Finanzverwaltung abgesprochen sein. Ab dem 1. Januar 2002 bedarf es keiner so raffinierten Konstruktion mehr wie einer Umstausch-, Wandel- oder Aktienanleihe. Dies wird einen Schub im Entflechtungsgeschäft geben. Viele Konzerne, vor allem Banken, werden sich von ihren Industrie-Beteiligungen trennen - Aktienpakete, die sie oft seit Jahren in ihren Büchern haben, entstanden etwa dadurch, dass die Bank einen Kredit bei einem in Schieflage geratenen Unternehmen in eine Beteiligung umgewandelt hat. Ein Beispiel dafür sind die Anteile der Deutschen Bank an der Deutz AG.

So hat die Deutsche Bank schon länger zu verstehen gegeben, dass sie ihre Industriebeteiligungen wie etwa an Holzmann abbauen will. Anleger wie ABN Amro-Mann Klasen begrüßen dies: "Ein Aktionär will bei einer Deutsche-Bank-Aktie kein Holzmann-Risiko mit einkaufen", sagt er. Selbst das Engagement bei Daimler-Chrysler will Vorstandschef Rolf-E. Breuer bald reduzieren. Auch Versicherungen wie die Münchener Rück werden die Gunst der Stunde nutzen und ihre Beteiligung an MAN oder Heidelberger Druck überprüfen. Unter dem Strich sollen sich rentablere Konzerne herausschälen. Unternehmensverbünde, die transparenter sind und sich mit der internationalen Konkurrenz messen können. Die Allianz hat einen ersten Schritt gemacht.

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