Wirtschaft : Allianz: Geht der Versicherungsriese erneut auf Einkaufstour?

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Rund um den Münchner Versicherungsriesen Allianz AG rumort es unüberhörbar. Fast wöchentlich wurde er zuletzt mit angeblichen Zukaufsplänen von Fernost über Europa bis Amerika konfrontiert. Offiziell schweigt die Konzernzentrale. Die Allianz kommentiere keine Gerüchte, wiegeln Firmensprecher ab. Einige der verbreiteten Spekulationen waren aber sehr konkret. Zudem passen sie perfekt zur von Konzernchef Henning Schulte-Noelle verordneten Strategie, in Japan, den USA sowie Großbritannien zu akquirieren, und zwar vor allem in den Sparten Lebensversicherungen sowie Vermögensverwaltung.

Die Unternehmen, mit denen die Allianz zuletzt in Verbindung gebracht wurde, sind die Lebensversicherer Chiyoda aus Japan und die britische Equitable Life sowie die US-Vermögensverwalter Nicholas-Applegate, Franklin Resources, Waddell & Reed und Gabelli. Zu keinem dieser Kandidaten wollen die Münchner etwas sagen. Konkret sei nur der Zukauf des niederländischen Sachversicherers Zwolsche Algemeene für eine wohl dreistellige Millionensumme, eines Gemeinschaftsunternehmens im australischen Sachversicherungsgeschäft und die Mehrheitsbeteiligung an einem rumänischen Versicherer, heißt es. Die Niederlande, Australien und Rumänien zählen aber nicht zu den regionalen Schwachstellen der Bayern. Zudem sei die Allianz bei Lebensversicherungen noch unterentwickelt, wogegen die drei genannten Verstärkungen vor allem wieder die Sachsparte stärken, bemängelt ein Analyst. Im Ausland erwartet er am ehesten in den USA einen baldigen Zukauf durch die Allianz. Dort seien derzeit vor allem viele Vermögensverwalter auf dem Markt, jedoch nur für viel Geld zu haben.

Von den genannten US-Kandidaten wäre die Franklin Resources Inc. mit einem verwalteten Vermögen von rund 520 Milliarden Mark "der größte Brocken", sagt ein Analyst - allerdings auch der teuerste. Der könne sich in den Dimensionen des jüngst bereits für gut sechs Milliarden Mark übernommenen US-Vermögensverwalters Pimco bewegen, schätzen Branchenkenner. Weit kleiner wäre Nicholas-Applegate mit 75 Milliarden Mark verwaltetem Vermögen.

Einfacher zu managen wäre eine große Akquisition in den USA 2001. Denn spätestens ab Ende kommenden Jahres wollen die Münchner an der US-Börse gelistet sein. Sie könnten einen Zukauf dann mit eigenen Aktien finanzieren. Bei passender Gelegenheit sei die Allianz mit ihrer gut gefüllten Kriegskasse aber jederzeit in der Lage zuzuschlagen, relativiert ein Analyst.

Als weniger wahrscheinlich gilt in der Branche eine Übernahme durch die Münchner in Japan. Wegen überzogener Renditeversprechen seien dort viele Versicherer "de facto pleite", berichtet ein Insider. Deren Sanierung könne sehr teuer sein. Andererseits ist Japans Versicherungsmarkt seit Jahren für Ausländer abgeschottet und der Kauf eines maroden Unternehmens eine vielleicht einmalige Gelegenheit zum Markteintritt. Für die Allianz, die dort weniger als 100 Millionen Mark an Prämien einnimmt, ist die Lage verführerisch. Mit Chiyoda soll es schon "zähe" Verhandlungen gegeben haben; allerdings hat der Versicherer wegen hoher Schulden am Montag Gläubigerschutz beantragt und steht vor dem Aus.

Einig sind sich die Experten hingegen, was die Übernahme von Equitable Life durch die Allianz anbelangt. Das sei wegen unterschiedlicher Strukturen ausgeschlossen, heißt es unisono. Die Briten sind ein Gegenseitigkeitsverein, der den Versicherten selbst gehört, und in eine AG ohne Substanzverluste nicht integrierbar. "Es sind eben auch eine Menge hirnrissige Gerüchte im Markt," kommentierte ein Branchenkenner. Anderseits spreche die Allianz wohl auch mit Gesellschaften, die in der Öffentlichkeit noch kein Thema seien. So munkelt man gerade über Interesse an der britischen Fondsgesellschaft Perpetual. Die Erwartung, dass die Bayern im Ausland demnächst einen größeren Deal landen, sei an den Finanzmärkten jedoch nicht ausgeprägt, dämpft ein Bankanalyst. Erwartungsdruck bestehe vielmehr im Inland mit Blick auf die Dresdner Bank, an der die Allianz maßgeblich beteiligt ist. Hier gebe es nach den Flops mit der Deutsche Bank und Commerzbank eine Scharte auszuwetzen.

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