Wirtschaft : Allianz In Not - Schwerer Rückschlag für Schulte-Noelle

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Die Allianz ist nicht nur an der Börse der große Verlierer der gescheiterten Bankenehe. Wichtiger könnte langfristig sein, dass die Münchner mit dem Flop wohl ihren Schrecken als Spinne im Netz der deutschen Wirtschaft verloren haben. Ihre vielfältigen Beteiligungen und Aufsichtsratsmandate in weiten Teilen der deutschen Industrie und Finanzwelt sind fast legendär. Ohne die Allianz läuft nichts, lautete eine weit verbreitet Meinung. Nun muss wohl umgedacht werden. Von allen Allianz-Beteiligungen außerhalb der Assekuranz galt die an der Dresdner Bank als die wichtigste. Weil die Münchner am Institut über ein Fünftel halten, musste Konzernchef Henning Schulte-Noelle damit leben, dass es oft als "ihre Bank" bezeichnet wurde.

Zumindest am Mittwoch aber zeigte die Dresdner Bank Eigenleben. Hätte Schulte-Noelle wirklich das Heft in der Hand gehalten, wäre es wohl nicht zum Scheitern gekommen. Zu viel stand für die Münchner auf dem Spiel. Im Zuge der Fusion hätte die Allianz mit der DWS die Fondgesellschaft der Deutschen Bank erhalten, die in Deutschland Marktführer ist. In Rekordzeit hätte Schulte-Noelle damit sein Ziel erreicht, die Vermögensverwaltung in eine marktbeherrschende Position zu führen und sie zum neuen Kerngeschäft der Allianz auszubauen.

Mit dem ausgehandelten Zugriff auf die Deutsche Bank 24 hätte sich die Allianz ferner für alle ihre Produkte von der Police bis zum Fonds exklusiv einen wichtigen Vertriebsweg gesichert, nämlich den über Bankenschalter. Und auch das Kerngeschäft mit Versicherungen wäre durch den Erwerb des Deutschen Herold gestärkt worden.

Zudem ist die Entflechtung zwischen Allianz und Deutscher Bank vorerst gestorben - Schulte-Noelle muss den ersten großen Rückschlag in seiner Karriere verdauen. Zwar sehen auch die Münchner die wahre Ursache allen Übels in den Reihen der Deutschen Bank. Andererseits wäre wohl eine Art Harakiri der Dresdner bei Kleinwort Benson an der Königinstraße gut angekommen, um das Ganze nicht zu gefährden. Zum Bedauern der Allianz hat der nun ausscheidende Dresdner-Chef Berhard Walter leider eigenen Willen gezeigt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Allianz einer feindlichen Übernahme der Dresdner derzeit nicht viel entgegensetzen würde, wenn der Preis stimmt.

Das hat nichts mit Rachegelüsten zu tun. Die Dresdner agierte schon vor der gescheiterten Fusion nach Ansicht von Experten weitgehend konzeptlos und in Teilen wie dem Schaltergeschäft defizitär. Nun steht die Dresdner noch schwächer da, weil viele Kunden verprellt wurden und viele Mitarbeiter das Weite suchten. Das alles konnte die Allianz trotz einer knapp 22-prozentigen Beteiligung an den Frankfurtern nicht verhindern. Dann, so darf man folgern, ist es wohl mit der Macht des Versicherers auch in anderen Fällen nicht so weit her. So richtig giftig ist die Spinne im Netz der deutschen Wirtschaft offenbar nie gewesen.

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