Wirtschaft : Allzeit bereit

Via Internet gibt’s für die Kommunikation zwischen Anwalt und Mandant immer neue Möglichkeiten

Katrin Wilke

„Euer Ehren, die Rechtsanwälte Schubert und Neumann sind soeben online gegangen. Soll ich Sie ebenfalls einloggen?“ So könnte der Richter der Zukunft zur Gerichtsverhandlung gebeten werden. Die Plädoyers würden dann via Bildtelefon und Internetverbindung gehalten, das Urteil per Mausklick an die Betroffenen zugestellt.

Noch ist es nicht so weit. Aber in den Kanzleien der niedergelassenen Rechtsanwälte spielen Bits und Bytes eine zunehmend wichtige Rolle – und zwar auch jenseits der Büroverwaltung. Software-Entwickler haben Bedingungen geschaffen, die in der Kommunikation zwischen Mandant und Anwalt vieles vereinfachen.

Ein Beispiel ist die Web-Akte. Schriftsätze, Gutachten, Klageschriften und alles, was sich sonst zwischen zwei roten Pappdeckeln befindet, wird vom modernen Anwalt für seinen Mandanten ins Netz gestellt. Damit sind alle rechtlich entscheidenden Daten jederzeit und überall abrufbar: Ist der Mandant mit einer Formulierung in der Akte nicht einverstanden, fügt er seine Anmerkungen in das Onlinedokument ein. So kann er seinen Anwalt sogar von einem Meeting in New York oder aus dem Urlaub auf Mallorca sofort und kostengünstig erreichen. Wie beim Onlinebanking wird dabei die Web-Akte durch eine SSL-Verschlüsselung (Secure-Socket-Layer) vor Zugriffen unbefugter Dritter geschützt. „Wir wollen nicht das persönliche Gespräch überflüssig machen, wir wollen lediglich den Informationsfluss zwischen Anwalt und Mandant optimieren“, sagt Peter-Paul Weiler, Sprecher der RA-micro Kanzleisoftware GmbH. Die Firma ist in Deutschland mit über 11 000 Kanzlei-Installationen der Marktführer für Anwaltssoftware.

Rund 4000 Mandanten nutzen in Deutschland bereits die Möglichkeit einer Web-Akte. Anfang des Jahres 2002 waren es noch 500. „Kaum ein Mandant, der die Web-Akte einmal genutzt hat, will in Zukunft auf sie verzichten“, sagt auch Bernd Pohl, Geschäftsführer der Firma e-consult, die die Web-Akte entwickelt hat und sie gemeinsam mit RA-micro anbietet. Die Berliner Anwaltschaft hinkt dieser Entwicklung allerdings noch ein bisschen hinterher: Erst 20 Anwälte aus sechs Kanzleien in der Hauptstadt nutzen diese Online-Möglichkeiten.

Die virtuelle Kanzlei ist im Aufwind. Längst sind auch andere Aspekte der juristischen Arbeit durch Mausklicks und elektronische Datenflüsse vereinfacht worden – zum Beispiel das Blättern in den „roten Backsteinen“, sprich Gesetzestexten. „Besonders für so genannte Oasengesetze, die man nicht unbedingt in der Kanzlei stehen hat, lohnt sich das“, gibt Nils Huber, Rechtsanwalt für Vertragsrecht und Nutzer der Web-Akte, zu bedenken. Da die Gesetzestexte und viele Urteile oft kostenlos zu haben sind, ist das Angebot insbesondere auch für Studenten interessant. Sie nutzen neben den privaten Surfern diese Angebote am häufigsten.

Eine Rechtsberatung via Internet dagegen mutet ein bisschen so an wie die Dr. Sommer-Sparte in der Jugendzeitschrift „Bravo“: Man ist in Schwierigkeiten und der Fachmann lockt mit einer knackigen und schnellen Lösung. Doch was bei Liebeskummer noch angehen mag, kann bei Rechtsproblemen teuer werden. Viele Rechtsportale bieten kostenpflichtig eine so genannte Online-Beratung an. „Aber viele Mandanten können nicht beurteilen, welche Aspekte ihres Falles für die juristische Bewertung wichtig sind“, sagt Johannes Plott von der Stiftung Warentest und ergänzt: „Wenn es sich nicht um den ganz einfachen Standardfall handelt, was meistens der Fall ist, dann ist eine Online-Rechtsberatung überflüssig und kostet nur Geld.“

Die Verbraucherschützer empfehlen das persönliche Gespräch. Aber auch einen Anwalt kann man übers Internet finden. Neben dem Deutschen Anwaltverein (DAV) und der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) bietet auch RA-micro einen Suchdienst (www.dasd.de) an, der nach eigenen Angaben die meisten Einträge hierzulande aufbietet. Auf der Seite gibt es aber auch Unterhaltsames – beispielsweise unter dem Stichwort „Berechnungen“. Wer wissen will, ob er nach vier Schnäpsen noch fahrtauglich ist, kann hier seine Blutalkoholkonzentration erfahren. Es lassen sich aber auch andere Rechenexempel durchspielen – etwa die Kalkulation zu erwartender Prozesskosten. Und wer weiß, in ein paar Jahren wird man sich dann vielleicht direkt in den Gerichtssaal weiterklicken können.

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