Wirtschaft : „Alte Hasen“ räumen das Depot auf

Ehemalige Banker beraten Senioren – und füllen damit eine Marktlücke

Sabine Hölper

Berlin - Horst Kalz stellt seinen früheren Kollegen kein allzu gutes Zeugnis aus. „Viele Bankangestellte beraten falsch", findet der 57-jährige Banker im Ruhestand. Vor allem ältere Kunden seien davon betroffen. Das Kauderwelsch aus Fachchinesisch und Englisch komme bei ihnen nicht an. Außerdem berieten die Banker ihre Kunden unabhängig vom Alter. Doch was für einen 30-Jährigen gelte, treffe auf einen 60-Jährigen längst nicht mehr zu. Das Resultat: Obwohl die Kundschaft jenseits der 50 sichere Anlageformen bevorzugten, lägen häufig „exotische Wertpapiere" in ihren Depots – Papiere mit hohen Risiken.

Das will Kalz ändern. In Berlin ist er einer von 15 „Alten Hasen“ – so nennt sich das bundesweite Netzwerk unabhängiger Bankkaufleute im Ruhestand, die ihren Altersgenossen in Finanzfragen zur Seite stehen wollen. „Wir verkaufen keine Produkte“, versichert aber der ehemalige Bankdirektor. „Wir verkaufen unsere Erfahrung.“ Und Lutz Gebser, Vorstandsvorsitzender des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter, betont, dass sich die Berater im Gegensatz zu Vermögensverwaltern auch keine Vollmacht erteilen ließen. Das Netzwerk „Die Alten Hasen GmbH“ gründeten Joachim Schwer und Karl-Heinz Norek vor zwei Jahren in Frankfurt am Main. Jetzt sind sie auch in Berlin an den Start gegangen.

Horst Kalz hat sich ein einladendes Domizil ausgesucht. In seinem Haus auf der Konradshöhe, idyllisch gelegen zwischen Wald und Wasser, empfängt er die ersten interessierten Berliner Senioren „zur Bestandsaufnahme“, wie Kalz sagt. Am Anfang gelte es, den Kunden aufmerksam zuzuhören. „Erst wenn ich die finanziellen Verhältnisse meiner potenziellen Kunden kenne, kann ich einschätzen, wo der Schuh drückt.“

Und der drücke häufig an mehreren Stellen. So erhielten die Wertpapier-Portfolios zu viele Aktien. Nach einer Faustregel, so Kalz, sollte die Aktienquote bei 100 Prozent minus Alter liegen. Auch steueroptimierte Anlageprodukte seien für Rentner sinnlos, da sie zumeist keine Steuern zahlten. Dennoch stecke viel Geld in solchen Produkten. Aber Kalz will sich in seinen Beratungsgesprächen weder auf allgemeine Tipps beschränken noch an einzelnen Stellschrauben drehen. Das Konzept der Alten Hasen ist, eine komplette „Strukturberatung“ zu leisten. Das heißt eben auch: Themen ansprechen, die in den Banken meist tabu sind. So fragt Kalz seine Kunden denn auch ganz unverblümt, ob sie ihren Lebensabend in einem überdimensionierten Eigenheim verbringen wollen. „Viele Senioren sitzen nach dem Auszug der Kinder in ihren großen Häusern", sagt der Seniorberater. „Und weil das Kapital in den Mauern steckt, fehlt es zur Verbesserung des Lebensstandards an allen Ecken und Enden.“

Die Alten Hasen klären aber auch ganz praktische Fragen: Können beide Ehepartner über das Girokonto verfügen? Ist das Testament richtig verfasst? Was muss bei einer Patientenverfügung beachtet werden? Aber auch: Wie finde ich einen geeigneten Vermögensverwalter? An eines müssten sich die Kunden aber noch gewöhnen: Die Beratungsleistung kostet Geld. Rund 300 Euro pro Stunde stellen Kalz und Kollegen in Rechnung. Und eine umfassende Beratung braucht mehr als nur 60 Minuten.

Kontakt: www.diealtenhasen.de und Telefon 069 / 92037890

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