Wirtschaft : Altersvorsorge: Keine Eile mit der Riester-Rente

Karin Birk

Die Jagd auf die Riester-Kunden ist in vollem Gang. Banken und Versicherungen lassen keinen Tag vergehen, an dem sie nicht Kunden anschreiben, am Telefon einen Beratungstermin anbieten oder in großen Lettern auf Werbeplakaten für ihre Dienstleistung rund um die Riester-Rente werben. Ihr Aktionismus ist verständlich, es geht um einen Milliarden-Markt. Doch der Kunde, langsam genervt von allerlei Briefsendungen, agilen Betreuern und eifrigen Marketing-Leuten, weiß langsam nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. "Muss ich mich beeilen, geht mir womöglich die Förderung durch die Lappen?", fragt er sich. "Und was ist mit der alten Lebensversicherung, dem Investmentfonds oder dem Sparvertrag? Können die nicht auch gefördert werden?"

Kein Grund zur Panik, winken die Verbraucherschützer ab. "Die Leute haben noch mehr als genug Zeit", sagt Carlos Mari von der Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. "Um von Anfang an gefördert zu werden, kann man noch Ende 2002 einen Vertrag abschließen." Allerdings gebe es überhaupt noch gar keine Produkte, für die man die staatliche Förderung bekomme. Die Zertifizierungsstelle in Bonn habe zwar Anfang August ihre Arbeit aufgenommen, bis die ersten Verträge dort zertifiziert würden, gingen mindestens noch zwei Monate ins Land. "Erst wenn die Anbieter mit zertifizierten Produkten auf dem Markt sind, ist ein wirklicher Vergleich möglich", sagt Mari. Dann könne sich jeder viel besser ein Bild über Abschluss- und Verwaltungskosten und über die Renditeaussichten machen.

Zweifelhafte Werbestrategien

Dass dennoch jetzt schon Versicherungen mit dem Hinweis auf die Riester-Förderung geworben und Policen verkauft haben, ist den Verbraucherschützern ein Dorn im Auge. "Teilweise haben wir erreicht, dass die Unternehmen ihre Werbung einstellen mussten", sagt Mari. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät Betroffenen sogar, über eine rückwirkende Auflösung des Vertrages nachzudenken, sollten sie "Opfer solch zweifelhafter Werbestrategien und Beratungen geworden sein. Am Argument manches Beraters, besser heute als morgen Geld für die private Altersvorsorge auf die Seite zu legen, sei zwar generell nichts auszusetzen, finden die Verbraucherschützer. Das heiße aber noch lange nicht, dass man sofort ein so genanntes Riester-Produkt abschließen müsse. Es gebe auch die Möglichkeit, jetzt Geld auf einem Tagesgeldkonto anzusparen und dieses dann nach reiflicher Überlegung im kommenden Jahr für einen Riester-Vertrag einzusetzen.

Ausnahmsweise einig sind sich Verbraucherschützer und Finanzbranche in dem Hinweis darauf, dass mit der Riester-Rente nur die Lücke geschlossen wird, die durch die Rentenreform entstanden ist: Riester-Rente bedeute, dass jeder einzelne vier Prozent mehr an Beiträgen seines Jahresbruttogehaltes bis maximal zur Beitragsbemessungsgrenze von rund 108 000 Mark (abzüglich der Förderung) auf die Seite legen müsse, um das bisherige Niveau seiner gesetzlichen Altersvorsorge zu erreichen. Wer allerdings nicht über Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung einbezahlt hat, wird davon kaum leben können. "Bei der privaten Vorsorge ist es mit der Riester-Rente deshalb noch lange nicht getan", sagt Mari.

Versicherungsgesellschaften und andere Finanzdienstleister weisen deshalb nicht nur aus Eigeninteresse darauf hin, bestehende Verträge besser nicht in einen Riester-Renten-fähigen umzuwandeln. "Wer seinen bisherigen Versicherungsschutz für diese Lücke benutzt, kann nicht mehr den Lebensstandard sichern, den er sich bisher errechnet hat", sagt Jürgen Eichelmann, Vorstand bei der Allianz Leben in Stuttgart. Und er nennt noch ein zweites Argument. "Im Normalfall ist es für den Einzelnen steuerlich ungünstig, eine bestehende Kapitallebensversicherung beitragsfrei zu stellen und die Beiträge künftig in eine geförderte Rentenversicherung einzuzahlen. Die daraus entstehende Rente muss im Alter voll versteuert werden, Leistungen aus einer Kapitallebensversicherung sind dagegen nach Ablauf von zwölf Jahren steuerfrei." Wer dennoch keinen neuen Vertrag abschließen kann oder will, kann seine bestehende Lebensversicherung in eine Riester-fähige Rentenversicherung umwandeln lassen, versprechen die Versicherungsgesellschaften. Verändert sich dabei an den Leistungen nichts, ist der Wechsel sogar kostenlos.

Ausstieg aus Sparplänen stets möglich

Bei Banken und Sparkassen sieht es anders aus. Eine Umstellung wie bei den Versicherern gibt es nicht. "Das ist auch nicht nötig", sagt Volker Sperrhacke vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Berlin. Man komme aus den bestehenden Verträgen jederzeit ohne Verlust heraus. "Wer also bisher 100 Mark im Monat in einen Sparvertrag einbezahlt hat, kann den einfach ruhen lassen und jetzt die 100 Mark in einen neuen Vertrag einzahlen", sagt er. Einen Unterschied gibt es allerdings. An die staatlich geförderten Spargelder kommt der Kunde erst im Rentenalter. Bei den Privatbanken sieht es ähnlich aus. Auch sie werden neue Riester-fähige Banksparpläne anbieten.

Fondsgesellschaften fahren dagegen zweigleisig: "Wir wollen einmal Riester-fähige Produkte vorlegen, in die bestehende Fonds eingebaut werden können, und neue Riester-Fonds auf den Markt bringen", sagt Frank Bock vom Bundesverband der Investment-Gesellschaften in Frankfurt (Main). Altverträge mit einzubauen hält er daher für sinnvoll, weil die Kunden diese Produkte und ihre Wertentwicklung kennen.

Bisher haben die Gesellschaften noch keine Fonds im Angebot, die jetzt schon die Riester-Kriterien erfüllen würden. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass sie nach dem neuen Gesetz ihren Kunden zusagen müssen, dass am Anfang der Auszahlungsphase mindestens die eingezahlten Beiträge einschließlich der staatlichen Zuschüsse zur Verfügung stehen und eine lebenslange gleichbleibende oder steigende monatliche Leistung sichergestellt ist.

Klar ist auch, dass diese Zusage an der Rendite knabbert. "Dieser Renditeverzehr wird aber umso geringer ausfallen, je früher jemand anfängt, mit einem Fonds zu sparen", sagt er. Gerade unter Renditegesichtspunkten, sagt Verbraucherschützer Mari, kann es für manchen günstiger sein, auf die Riester-Förderung zu verzichten - zumal wenn sie durch Zulagen für Kinder nicht besonders hoch ist - und Verträge mit besseren Renditeaussichten abzuschließen.

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