Altkanzler kontra Kanzlerin : Helmut Schmidt rügt Merkel und Schäuble

"Europa fehlen die Europäer": Altbundeskanzler Helmut Schmidt rechnet mit den Krisenmanagern des Kontinents ab – allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble.

David Marsh
Offene Worte: Altkanzler Helmut Schmidt geht mit seinen politischen Enkeln hart ins Gericht.
Offene Worte: Altkanzler Helmut Schmidt geht mit seinen politischen Enkeln hart ins Gericht.Foto: dapd

Ohne ihn gäbe es keinen Euro: Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing das Europäische Währungssystem gegründet, den Vorläufer der gemeinsamen Währung. Jetzt, auf dem Höhepunkt der Eurokrise, stellt Schmidt sich hinter das Jahrhundertprojekt – und rechnet mit den europäischen Krisenmanagern ab. „Generell würde ich sagen: Europa fehlen Führungspersönlichkeiten – Personen in hohen Ämtern der Nationalstaaten mit genügendem Überblick über nationale wie internationale Fragen und ausreichender Urteilskraft. Es gibt wenige Ausnahmen wie Jean-Claude Juncker, den Premierminister von Luxemburg, aber sein Land ist zu klein, um eine substanzielle Rolle zu spielen“, sagte Schmidt im Interview mit dem „Handelsblatt“.

Vor allem mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble geht Schmidt hart ins Gericht. „Haushalts- und Steuerprobleme versteht er gut", sagt Schmidt über Schäuble. "Doch die internationalen Geld- und Kapitalmärkte, das Bankensystem oder die Aufsicht über die Banken und Schattenbanken sind neu für ihn. Dasselbe gilt für Angela Merkel. Das ist keine Kritik an Schäuble oder Merkel, aber wir brauchen Personen in den Spitzenämtern, die ein Verständnis von der heutigen Wirtschaft haben.“

Die Bundeskanzlerin agiere in der Krise „nicht sehr geschickt“, sagte Schmidt. „Es kommt hinzu, dass die deutsche Regierung aus Leuten besteht, die erst im Amt ihren Job lernen“, sagte Schmidt mit Blick auf die zögerliche Haltung der Bundesregierung bei der Unterstützung Griechenlands im Mai dieses Jahres.

"Bundesbanker sind Reaktionäre"

Ebenfalls sehr deutlich rechnet Schmidt mit der Bundesbank ab: „Im tiefsten Herzen sind die Bundesbanker Reaktionäre. Sie sind gegen die europäische Integration.“ Er erhebt schwere Vorwürfe gegen Hans Tietmeyer und seine Nachfolger: „Sie denken nicht wirklich liberal. Sie neigen dazu, zu sehr nach nationalen Interessen zu agieren und zu reagieren und haben die strategische Notwendigkeit der europäischen Integration nicht verstanden.“

Europa fehlen die Europäer, Europäer wie der ehemalige Präsident der EU-Kommission, Jaques Delors, lautet das Fazit des Altkanzlers.

Lob erteilt Schmidt dagegen dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank: „Die einzige Figur, die hervorragt, ist der Präsident der Europäischen Zentralbank Jean-Claude Trichet. Ich bin nicht sicher, wie stark er innerhalb der EZB ist, aber soweit ich es überblicke, hat er bislang keinen größeren Fehler gemacht.“

Deutsche verhalten sich "wie die Chinesen"

Seinen deutschen Landsleuten redet Schmidt wegen der hohen Überschüsse in der Leistungsbilanz ins Gewissen: „Wir verhalten uns genauso wie die Chinesen.“ Die deutsche Elite habe lange nicht begriffen, was die Leistungsbilanzüberschüsse für die Republik bedeuten: Das Land verkaufe Waren und erhalte dafür Forderungen auf dem Papier, die an Wert verlieren. „Es bedeutet, dass man Waren verkauft und dafür nur Papiergeld erhält. Das wird später abgewertet und man muss es abschreiben.“

Quelle: Handelsblatt

Das Interview im englischen Originalwortlaut finden Sie hier.

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